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Tränen…

14. März 2010

Reanimationen sind im Rettungsdienst eigentlich Alltag. Es ist das meistgeübteste Szenario in meinem Job. An meine erste Rea erinnere ich mich schon gar nicht mehr, sie liegt einfach schon zu lange zurück. Das erste Mal auf einem Brustkorb herumzudrücken ist schon etwas sehr Eigenartiges. Man spürt wie die Rippen sich biegen und irgendwann knackt es. Zu 95 % reanimiert der Rettungsdienst erfolglos, man gewinnt diesen Kampf gegen den Sensemann nur sehr selten. An eine Reanimation erinnere ich mich noch heute, und davon möchte ich euch heute berichten.

Ich war damals schon zwei Jahre im Rettungsdienst tätig, als wir eines Abends zu einer Reanimation alarmiert wurden. Ein älterer Herr empfing uns an der Eingangstür und wies uns in das Schlafzimmer. Dort lag seine Frau tot im Bett. Mist denke ich, weil unsere Chancen jetzt schon ziemlich schlecht stehen, weil noch niemand mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung begonnen hat. Wir schicken den Ehemann erst einmal vor die Tür, erstens soll er unserem Doc den Weg weisen, zweitens weil wir seine Frau schnellstmöglich auf den Boden bringen müssen, und das will ich ihm nicht antun, denn seine Liebste wiegt knappe 130 Kilo. Da hilft einfach nur ziehen. Der Kollege fängt dann an zu drücken, ich richte mir alles für die Intubation, da kommt unser Doc durch die Tür. Alles läuft routiniert, jeder kennt seine Aufgabe. Nach 15 Minuten bekommt die Frau sogar wieder einen eigenen Kreislauf. Jetzt stehen wir vor dem nächsten Problem: Wie bekommen wir die Frau in unser Auto. Der Ehemann läuft die ganze Zeit hin und her, man sieht ihm an, wie er versucht einen klaren Gedanken zu fassen. Wir sind zwar zu viert, aber so bekommen wir sie nicht hinaus, weil wir alle Materialien an ihr lassen müssen, um notfalls sofort wieder mit der Reanimation beginnen zu können. Unser Notarztfahrer telefoniert mit der Leitstelle und fordert die Feuerwehr zur Tragehilfe nach. Bis sie da sind, bereiten wir alles für den Transport nach draußen vor. Der Doc spricht mit dem Ehemann, damit er genau weiß, was jetzt passiert und wie es um seine Frau steht. Er schöpft durch die Worte neue Hoffnung.

Die Feuerwehr trifft ein und wir bereiten kurz die Kollegen auf ihre Arbeit vor. Als wir soweit sind, hoffen wir, dass jetzt alles glatt geht, bis wir im Auto sind. Es stehen sechs Mann um das Tragetuch, wir heben an, und genau in dem Augenblick wird unsere Patientin wieder reanimationspflichtig. Leises Fluchen kommt aus unseren Mündern, so können wir die Frau nicht hinaus bringen. Wir fangen wieder an, schicken die Feuerwehr nach draußen, sie sollen aber warten, vielleicht bekommen wir sie ja doch noch mal zurück. Es wird aber leider nicht mehr dazu kommen. Nach nochmals 30 Minuten bricht unser Notarzt ab, es hat keinen Sinn mehr. Er geht nach draußen, um den Mann zu informieren. Wir sind alle ziemlich geschafft, das war 45 Minuten hochkonzentriertes und anstrengendes Arbeiten. Für mich ist das immer der schlimmste Moment, denn jetzt muss man sich um die Angehörigen kümmern, und man ist doch oft so hilflos.

Wir richten die Frau wieder einigermaßen her, sodass ihr Mann sich von ihr verabschieden kann. Mein Kollege geht kurz nach draußen um der Feuerwehr zu sagen, dass wir ihre Hilfe leider nicht mehr benötigen. Kurz darauf kommt er mit dem Ehemann wieder, er möchte seine Frau, mit der er über 40 Jahre verheiratet war, nochmals sehen. Er hat Tränen in den Augen, wir gehen leise kurz vor die Tür, damit er alleine Abschied nehmen kann. Als er wieder heraus kommt, nimmt er von jedem die Hand und bedankt sich von Herzen, das wir alles Menschenmögliche getan haben, um seine Frau zu retten. Mir laufen dabei mehrere Tränen das Gesicht herunter, ich bin einfach so ergriffen.

Es vergehen einige Minuten, in denen wir einfach nur dastehen und nichts sagen. Danach packen wir unsere Geräte zusammen, legen die Frau noch ins Bett. Ich brauch jetzt erst mal eine Zigarette. Wir stehen vor dem Haus, da kommt der Mann hinaus mit einer Flasche Wasser und mehreren Gläsern. Er fragt uns ob wir sonst noch etwas bräuchten, und ich bin schon wieder den Tränen nahe. Ich setz mich an unser Auto, ich brauch jetzt mal kurz Zeit für mich…

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8 Kommentare leave one →
  1. 14. März 2010 11:47

    das ist eine traurige Geschichte….
    ist mir gerade ein Schauer über den Rücken gekrochen…
    so schön, wie Du das schreibst!

    Ich hab im jahr 2002 einen ganz guten freund auf ähnliche Weise verloren.. werde mal darüber bloggen…

    lg Kroko…

  2. Begleitung permalink
    14. März 2010 16:39

    Keine Ahnung warum, aber bei diesem Artikel musste ich auch weinen…

  3. 14. März 2010 19:13

    Oooooh… *arg bewegt*
    Der arme Mann, da kann man seine Schmerzen fast mitfühlen und wünscht sich nicht mehr, als dass er noch ein wenig Glück fände…

  4. 14. März 2010 19:44

    Das nimmt mich jetzt auch mit… 😦

  5. 14. März 2010 20:00

    … und wie schwer muss es sein, auch noch in einer solchen Situation die Entscheidung zu treffen… und dann für immer damit leben zu müssen… ist es immer so relativ eindeutig? Der Witwer hat sich toll verhalten, finde ich, es gibt ja viele die dann zetern und schreien und es nicht wahr haben wollen (kann man ja auch verstehen) aber es aber damit für alle noch schlimmer machen…

  6. 14. März 2010 21:54

    „Scheiße.“ Sorry, aber das war genau das, was mir durch den Kopf ging, als du schriebst, dass der Kampf dann doch vergeblich war… Ich bin jetzt auch gerade den Tränen nahe.

  7. 15. März 2010 21:59

    Wirklich nicht schön. Aber du bringst es auf den Punkt …
    Wir tun was wir können. Auch, wenn es von vornherein nicht gut aussieht. Wir lassen uns nicht unterkriegen.

  8. 16. März 2010 08:57

    Hi

    Ich kann dir nachfühlen, meine erste REA verlief so ähnlich. Zu lesen auf meinem Blog.
    Solche Situationen sind beschissen (sorry für den Ausdruck) aber wenn man in diesem Job tätig ist weis man auf was man sich einlässt. Dass es mit dem Abgrenzen nicht immer 100% klappt ist auch nur menschlich. Ein gutes Team, verständnisvolle Freunde und eine starke Familie können einem in einer solchen Situation helfen nicht in ein Loch zu fallen.

    Gruss

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