Skip to content

Opa nur mal kurz Fahrrad…

15. Januar 2011

Der kleine Robin ist 4 ½ Jahre alt und quengelt, weil sein Opa ihn nicht mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren möchte. „Opaaaaaaaaaaaaaaa nur ein bisschen fahren… büddeeeee“, eine kleine Träne kullert dem Kleinen über die Wange. Opa Helmut überlegt und überlegt… und nimmt ihn schließlich mit nach draußen. Er setzt ihn auf sein Fahrrad und da er seinen Enkel nur kurz über den Hof fahren möchte, lässt er den Fahrradhelm im Haus.

So drehen sie einige Runden auf dem Hof, Robin ist glücklich und bekommt nicht genug. „Mehr! Mehr!“, kräht er, und sein Opa möchte ihm diese Freude gerne machen. Doch er hat auch ein schlechtes Gewissen, ihn so ohne Helm auf dem Fahrrad sitzen zu haben. Er fährt noch 2 Runden und sein Enkel strahlt über das ganze Gesicht. „Noch mehr, Opa!“, blubbert es aus ihm heraus. „Robin, machen wir gleich, aber du musst erst mal deinen Helm anziehen, sonst ist das zu gefährlich.“ Deswegen steuert er auf die Haustür zu, setzt den Fuß ab und möchte absteigen. Dabei verheddert er sich am Fahrrad und fällt um. Robin stürzt aus ca. 80 cm  mit dem Kopf auf den Betonboden, er weint kurz, danach ist Stille. Sein Opa steht entsetzt daneben, eben wollte er noch den Helm holen und nun liegt sein Enkel auf dem Boden. Er hebt ihn auf und spricht mit ihm, doch Robin antwortet nicht.

Zum Glück kommt gerade ein Nachbar vorbei und wählt mit seinem Handy die 112. Kaum eine Minute später bimmeln die Melder von uns und dem NEF. Auf unserer Depesche erfahren wir, dass es zu einem bewusstlosen Kind, Zustand nach Fahrradsturz, geht. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Hoffentlich stellt sich alles harmloser dar, als es geschrieben auf diesem Zettel steht. Auch werden wir bestimmt 10 Minuten alleine sein, denn der Notarzt kommt aus einer anderen Stadt. Scheiße, denken wir uns, aber es hilft ja alles nichts. Wir erreichen nach 5 Minuten Fahrt die angegebene Adresse. Dort steht Opa Helmut immer noch mit Robin im Arm auf dem Hof. Als ich aussteige, höre ich kein Weinen… und das ist nicht gut, denn dann scheint es wirklich nicht gut um meinen Patienten zu stehen. Ich bitte den Mann, mit in unseren RTW zu kommen. Währenddessen lass ich mir kurz erklären, was denn passiert ist.

Ich schwitze ziemlich, aber die Routine ist da… also erst mal Puls und Atmung überprüfen, während mein Kollege die Halswirbelsäule manuell stützt. Puls und Atmung sind da, ich atme kurz durch. Robin bekommt hoch dosiert Sauerstoff und einen HWS Stützkragen. Mehr können wir momentan nicht tun. Die Pupillen zeigen nach links oben und nun krampft Robin auch noch mit den Armen. Scheiße, scheiße, fluche ich leise vor mich hin. Mein Kollege legt alles für einen Zugang bereit und zieht schon mal Medikamente auf. Wir bestellen über die Leitstelle einen Rettungshubschrauber und geben alle Daten durch, damit die LST auch gleich ein Bett für unseren kleinen Patienten suchen kann. Jetzt trifft auch unsere Notärztin ein und lässt sich kurz erklären, was passiert ist. Danach geht’s zügig, aber ruhig, weiter, Robin bekommt ein krampflösendes Medikament und danach einen Tubus in die Luftröhre eingeführt. So sind wir auf der sicheren Seite. Im Ort heulen jetzt die Sirenen, denn die Feuerwehr muss den Landeplatz des Hubschraubers absichern.

Der RTH landet keine 10 Minuten später auf einer nahen Wiese. Das Team übernimmt Robin auf ihre Trage und als sie gestartet sind, fällt die Anspannung von uns allen ab. Dann besprechen wir uns noch kurz. Wir haben alles getan und drücken unserem Patienten die Daumen, dass alles gut ausgeht.

Advertisements
26 Kommentare leave one →
  1. 16. Januar 2011 00:07

    Scheiße. 😦 Ich find es immer irgendwie schön, wie du eine Geschichte hinter dem Einsatz beschreibst… aber genau das ist das Problem. Irgendwie finde ich das gerade wahnsinnig traurig, und der Opa tut mir wirklich leid. (Der Junge natürlich auch, ist klar!) Der Junge ist eben der Junge, der ohne Helm vom Rad gestürzt ist. Aber sobald Opa Helmut ins Spiel kommt, der nur mal eben… Da krieg ich einen dicken dicken Kloß im Hals. Vielleicht hab ich eine andere Sicht auf die Dinge, aber ich muss immer dran denken, wie ich total glücklich mit meinem Opa gespielt hab und ich glaube, meinen Opa hat das auch wahnsinnig ausgefüllt. Wie Opas eben stolz sind auf die Enkelkinder. Und man kann ja auch kaum Nein sagen wenn der kleine so lieb quengelt und hach… Ich glaube, du weisst, was ich sagen will. Das bedrückt mich gerade ein bisschen, denn erst mal muss man lernen, sich bestenfalls keine Geschichte zusammenzudenken oder schlimmstenfalls sowas auszublenden – und damit umzugehen. Und das ist nicht leicht.

    • 16. Januar 2011 12:14

      @Souly

      Man erfährt dieses drumherum in nur wenigen Augenblicken während des Einsatzes. Da bleibt eigentlich keine Zeit sich Gedanken darüber zu machen, oder Gefühle zu zu lassen. Sowas ist wirklich tragisch.

    • Frank permalink
      22. Februar 2011 14:41

      Ich werde oft gefragt, wie man mit den ganzen schrecklichen Bildern, die man im Rettungsdienst zu sehen bekommt, klar kommt und umgehen kann. Meine Antwort ist dann immer: Es sind nicht die Bilder, die wir zu sehen bekommen, es sind die Geschichten dahinter, die einen belasten. Oder wie in diesem Fall: Nicht der bewusstlose Junge ist das eigentlich Schlimme, sondern die ganze Tragik mit dem Großvater.

      • 22. Februar 2011 19:12

        @Frank

        Willkommen auf meinem Blog. Da hast du vollkommen Recht..es sind meistens die Geschichte, die dahinter stecken, die man mit nach Hause nimmt.

  2. gabybauer permalink
    16. Januar 2011 00:16

    Und genau aus diesem Grund hasse ich Großeltern, die meinen, sie können wahnsinnig viel „Spass“ haben mit den Enkeln, aber die sich bitterlich beschweren, wenn denn die Eltern ein paar No-Gos auferlegen. Die einfach nicht genug aufpassen bzw. ihre eigene marode Körperlichkeit mal anerkennen.
    Für Robin drücke ich alle Daumen.
    Meine eigenen Kinder kommen ohne mich sowieso nicht zu den Großeltern. Der Gartenteich ist mir Hölle genug.

    • Ralf permalink
      25. Januar 2011 09:29

      @gabybauer
      Oh man die armen Kinder. Ja ich meine jetzt nicht nur Robin sondern auch deine.
      Als ehemaliger Rettungsschwimmer rege ich mich über eine solche Einstellung immer ziemlich auf.
      Ein Kind mit 4 Jaren muß nicht gut schwimmen können, sollte sich aber zumindest über Wasser halten können*. Die Antwort auf einen Gartenteich sollte also lauten Schwimmen lernen und keine Verbote.

      Zum Opa. Es wäre natürlich sinvoll gewsen beim Fahradfahren grundsätzlich einen Helm zu tragen ( Dass ist es immer). Aber ein ähnlicher Unfall kann durch viele Situationen entstehen ( Fallen vom Stuhl beim Essen ).

      Robin wünsch ich gute Besserung.

      * ich konnte mit 3 schon so gut tauchen und schwimmen dass bei einem Urlaub am Meer andere Eltern entsetzt zu meinem kamen „Ihr Kind taucht nicht mehr auf!“ und nur ein müdes “ der kommt schon wieder hoch“ ernteten. 🙂

      • dingsdongs permalink
        18. März 2012 13:14

        Sorry, dazu muss ich mal was sagen.

        Meine Tante hatte ihrem Dreijährigen das Schwimmen beibringen lassen. Kein Problem.

        Dann im Garten, der Teich. Der Kleine fiel beim Spielen rein. Und ging wie ein Stein einfach unter, keine Schwimmbewegungen, nichts, wohl vor Schreck.

        Bei so kleinen Kindern niemals aufs Schwimmen können verlassen, das hab ich daraus gelernt.

        Meine Tante ist sofort hinterhergesprungen und hat ihn gerettet.

  3. 16. Januar 2011 07:22

    Das erzähl ich dann mal meinen Kindern.

  4. Squirrel permalink
    16. Januar 2011 08:23

    Ach Sch*** 😦
    Ich hoffe, es ist für den Kleinen glimpflich ausgegangen.

  5. 16. Januar 2011 08:59

    „Nur mal eben…“ ist leider immer wieder der Grund für schwere Unfälle.

  6. 16. Januar 2011 10:22

    Oh ja… Hat man ja oft bei Motorradfahrern – nur eben in die nächste Stadt und fast ungesichert…

    Erfahrt ihr eigentlich später, wie es ausgegangen ist? Oder nur, wenn ihr nachfragt?

    • 16. Januar 2011 12:10

      @Chaoskatze

      Wir erfahren meistens nie, was aus unseren Patienten wird, es sei denn sie kommen in unsere Klinik. Ansonsten verweisen die meisten auf die Schweigepflicht.

      @Gaby

      Willkommen auf meinem Blog. Ich glaube da nehmen sich Eltern bzw. Großeltern nicht viel, was dieses Thema angeht. Jeder ist irgendwann mal unvernünftig oder lässt sich um den Finger wickeln.

  7. 16. Januar 2011 16:26

    ja, aber wie oft haben wir früher (natürlich ohne Helm) mal eben ne Runde gedreht? Traurig. Trauriger, wenn Kinder die Opfer sind.

  8. karen permalink
    16. Januar 2011 22:23

    ein tragischer fall. hätte aber auch manchem vater, mutter, tante, onkel, bruder etc. passieren können. ich drück dem kleinen die daumen.

    • 17. Januar 2011 08:11

      @Hella

      Willkommen auf meinem Blog. Wenn ich da an meine Kindheit zurück denke, ich hatte nie einen Helm auf.

      @Karen

      Das kann jedem passieren, wir sind alle nicht unfehlbar. Auch dir ein Willkommen auf meinem Blog.

      • karen permalink
        17. Januar 2011 14:48

        danke. bin schon länger stille mitleserin.

  9. 18. Januar 2011 15:09

    Oha, schlimm, schlimm, ich als Kinderkrankenschwester bin deshalb immer recht hysterisch wenn meine Jungs auf den Kopf fallen, ganz blöd, aber ich kann es nicht abstellen, den Arm dürfen sie sich brechen, bluten, Zähne ausschlagen, aber BITTE nicht auf den Kopf fallen, da habe ich in der Klinik auch einfach zu viel erlebt *seufz*

    Lieb Grüßt
    Loretta

    • 18. Januar 2011 18:20

      @Bubenmami

      Herzlich Willkommen auf meinem Blog Loretta. Da hast du Recht, lieber irgendwie nur dne Arm gebrochen, als auf den Kopf.

  10. VS-Geheim-Blog-Leser permalink
    19. Januar 2011 00:44

    hey…bin zwar beim roten Feuerpatschenverein und auch etwas rettungsdienstlich versiert (durch Mitlesen in den Blogs und durch Kontakt zu Rettungsdienstlern) aber könntest du mir als Laien nochmal mitteilen, was Robin vermutlich hatte? Ich mein, dass er nicht geweint hat, ist bestimmt ein sehr schlechtes Zeichen…Schädelhirntrauma? (Deuten fehlgestellte Pupillen drauf hin oder?)

    • 19. Januar 2011 17:57

      @VS-Geheim-Blog-Leser

      Willkommen auf meinem Blog. Bei Kindern ist dieses „still“ sein, ein Zeichen, das irgendwo etwas nicht in Ordnung ist. Entweder ist es die Erschöpfung durch vieles schreien/Weinen oder weil es sich eine starke Verletzung zugezogen hat.

      Bei Robin waren die Pupillen nach rechts oben verdreht, das heisst, beide Augen schauen nach rechts oben. Fachlich wird dies als Herdblick beschrieben. Das beutet, das es eine Verletzung der linken Gehirnhälfte gegeben hat. Dies kann sein, das dort entweder Blut oder Flüssigkeit auf diese Seite einwirkt, und es zu einklemmungen in diesem Bereich kommt. Diese Symptome können auch bei Patienten mit einem Schlaganfall auftreten.

  11. 19. Januar 2011 07:43

    Wie lieb, der erste Blog in dem man persönlich Willkommen geheissen wird :o) Da schau ich doch sicher öfter mal rein :o)

    Danke Dir!

  12. 20. Januar 2011 00:57

    Solche Unfälle sind sicher schlimm, und ein Helm wäre sicher gut gewesen und hätte vermutlich Schlimmeres verhindert.

    Aber man kann Kinder (und Erwachsene) nicht vor allen Gefahren des täglichen Lebens bewahren, und Eltern (und Großeltern) sind nicht immer unbedingt „schuldig“, auch wenn sie vielleicht in der Lage gewesen wären, den Ufall zu verhindern.

    Wir haben, das kann man nach knapp 22 Jahren sagen, als Eltern im wesentlichen Glück gehabt. Keine enrsthaften Verletzungen, ein eingedrückter Milchzahn, diverse aufgeschlagene Knie, Verstauchungen, aber mehr nicht. Doch ich behaupte nicht, dass nicht das ein oder andere Mal mehr hätte passieren _können_.

    In meiner Kindheit gab es keine Fahrradhelme, Ellenbogen- oder Knieschützer, mit Maschendraht gesicherte Gartenteiche. Dafür gab es ungesicherte Kellertreppen, Kopfsteinpflaster, Teiche und Tümpel, ganz viele Kletterbäume, Schlittenhänge mit Bäumen am unteren Ende und vieles mehr, kilometerweit von zuhaus weg, keine Handies, und in den Sommerferien wussten meine Eltern _nicht_ immer wo ich mich zwischen 9 Uhr morgens und 19 Uhr abends herumtrieb. Komischerweise sind mir ernsthafte Verletzungen ebenfalls erspart geblieben, und ich hatte insgesamt nicht den Eindruck, dass es unter meinen Freunden mehr und schwerer Verletzte gab als heutzutage. Irgendwie hatten wir eine Riecher für die Gefahr und meistens wussten wir instinktiv, wie weit wir gehen konnten.

    Und noch etwas gab es weniger: Die Suche nach Schuldigen oder nach haftbar zu machenden. Es wurden nach meinem Eindruck weniger Prozesse angezettelt wegen fehlender Zäune oder Schilder oder verletzter Aufsichtspflichten und ähnlichen Dingen.

    Ich will damit nicht gegen Fahrradhelme, Schutzzäune um Gartenteiche oder verantwortungsvolle Aufsicht reden. Aber Kindern den Umgang mit Risiken zu lehren, Erfahrungen, auch negative, mit kalkulierbaren Risiken machen zu lassen ist m.E. ebenso wichtig. Es wird nichts nützen, Kinder gleich nach der Geburt mit Formel1-Helmen, feuersicheren Anzügen mit eingebauten Rettungsflößen und Sturzmeldern mit GPS-Positionsmeldern auszustatten, das wird sie nicht davor schützen, spätestens als Erwachsene mit den täglichen Risiken umgehen können zu müssen. Und diese Fertigkeit müssen sie sich in Kindheit und Jugend aneignen. Und ich glaube dass es mittlerweile spürbar an dieser Fertigkeit mangelt, wenn ich das Risikoverhalten mancher Jugendlicher und junger Erwachsener sehe.

  13. 21. Januar 2011 23:57

    Puh… einen solchen Einsatz möchte ich nicht erleben (ich weiss, man kann es sich nicht aussuchen).

    Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke. Oh man, wie oft hatte ich einfach nur super viel Glück …
    Und wenn ich daran denke wie sehr ich um meinen ersten Fahrradhelm kämpfen musste (da kamen die gerade erst auf)…

    Hoffentlich geht es Robin wieder gut und hoffentlich hat er keine Spätfolgen!
    Durch „nur mal kurz“ passiert leider sehr sehr viel, aber auch wenn die Menschen darauf hingewiesen werden was alles bei „nur mal kurz“ passieren kann, wird es diese „nur mal kurz“-Geschichten leider immer weiter geben…

  14. 25. Januar 2011 01:35

    Ohje, wenn Kindern etwas zustößt, dreh ich immer am Rad. Ich kann noch nicht einmal Filme schauen, in dem einem Kind etwas passiert…

    Zu deinem Blog: Ganz klasse und wirklich interessant. Ich habe vor kurzem erst meine Ausbildung zur MFA abgebrochen, weil mich das ganze doch zu sehr mitgenommen hat.

    • 25. Januar 2011 06:37

      @Sie

      Willkommen auf meinem Blog. Jeder hat da seine eigene Grenze. Für mich ist es natürlich auch sehr schlimm, wenn Kindern etwas passiert, aber zum Glück passiert das sehr selten.

      @orion

      Dir auch ein Willkommen auf meinem Blog. Das ist ja mal richtig scheisse. Da sieht man leider mal, was wirklich passieren kann. Alles Gute für dich.

Trackbacks

  1. Altersstarrsinn? « Zwergenalarm's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: