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Vorstellungsgespäch…

22. Januar 2016

Eine Story aus dem Schweizer Rettungsdienst, die sich so zugetragen hat und meiner Meinung nach leider kein Einzelfall ist.

Es ist ein kleines Spital am Rande der Schweiz. An diesem Tag verbrachte ich zuerst einige Stunden mit den Kollegen auf dem RTW. Nichts Dramatisches, die Kollegen arbeiten wie überall auch, heißt leichte Abweichung von sturen Standards. So wie es eigentlich überall läuft. Ich betone es deswegen, weil es gleich auch eine Rolle beim Vorstellungsgespräch sein wird.

Mein Gegenüber ist der Chef des Rettungsdienstes. Noch bevor ich auf den RTW steige, werde ich begrüßt und mein erster Eindruck ist, irgendwie unsympathisch. Nachmittags treffe ich ihn wieder und werde in sein Büro gebeten.

Das Gespräch plätschert die ersten Minuten so dahin, ich erzähle über mich, meine bisherige Zeit in der Schweiz und wieso ich gerne von meinem bisherigen Rettungsdienst hierher wechseln möchte.

Chef: „Herr Müller sie sind nicht so zufrieden mit ihrem Chef, was können sie mir denn an negativen Punkten über ihn erzählen?“

Ich: ‘WTF??…Ok, er will dich testen, ob du loyal gegenüber deinem Chef bist’ – „Es tut mir leid, aber darüber werde ich nicht reden, ich bin einfach nur unzufrieden und möchte mich verändern.“

Chef: „Wie ich sehe, haben sie keinen PHTLS oder anderen Kurs. Wir legen hier sehr viel Wert auf diese Kurse, unsere Kollegen arbeiten alle strikt danach.“

Ich: ‘Muhahaha…ja ist klar, habe ich eben beobachtet’ – „Ist das wirklich so!?“

Eine paar weitere Minuten später kommt er nochmals zum Thema: „Ich und mein Chef“ zurück.

Chef: „Können sie mir drei Positive und drei negative Dinge über ihren Betrieb erzählen!?“

Ich: ‘WTF…will der mich jetzt verarschen!?’ – „Entschuldigen sie, das Thema hatten wir eben schon mal und ich werde ihnen wie eben schon mal gesagt habe, nichts Negatives über meine Firma erzählen.“

Ok, das war eben nur zum Warmwerden zwischen uns, den Vogel wird er aber gleich abschießen.

Chef: „Wäre es ok, wenn wir ihnen erst mal einen 1 Jahresvertrag anbieten würden!?“

Ich: Etwas irritiert: „Ja wieso!?“

Chef: „Sie sind ja deutscher Rettungsassistent und die Ausbildung ist ja nicht so gut und sie haben zwar die Anerkennungsprüfung zum Schweizer RS, aber das ist ja trotzdem nicht das gleiche wie die 3-jährige Ausbildung der Schweizer Kollegen. Und da würden wir ihnen erst mal den Jahresvertrag anbieten, damit wir schauen können, ob es passt für uns.“

Ich: „Ich mache diesen Job schon über 10 Jahre, davon 3 Jahre hier in der Schweiz. Glauben sie, wenn ich nicht gut wäre, wäre ich hier noch in der Schweiz?“

Chef: „Wir haben schon viele schlechte Erfahrungen gemacht, deswegen würden wir Ihnen wie gesagt erst mal einen Jahresvertrag anbieten.“

Ich: „Und jeder Schweizer Kollege bekommt gleich einen Festvertrag?“

Chef: „Ja eigentlich schon…“

Danach erzählt er mir noch ein bisschen was und das Gespräch ist zu Ende. Nach dem Gespräch begleitet mich der Chef bis in die Umkleide, damit ich nicht noch irgendwas mitgehen lasse.

Vielleicht denkt jetzt jemand, hab dich nicht so Paul. Vielleicht hat derjenige auch Recht, aber dieses Rumhacken auf uns Deutsche ist leider kein Einzelfall. Klar gibt es unter meinen Kollegen einige schwarze Schafe, aber gleich von einigen auf uns alle zu schließen, dass ist irgendwie schon befremdlich. Es gibt noch etliche Geschichten, die ich hier zum Besten geben könnte, aber ich wollte euch einfach mal einen kleinen Einblick in den Schweizer Rettungsdienst geben.

C2…

28. Dezember 2015

Ich höre meine Kollegen aus Rettung und Krankenhaus schon stöhnen, wenn sie diese Überschrift lesen. Die meisten meiner Leser werden denken: „HÄ???“. Hat der Paul seine Medikamente nicht genommen oder einen gesoffen?

 

Ja, letzteres schon, denn wenn diese Abkürzung auf unserem iPad erscheint, hat ein Bürger ein Problem mit Alkohol. Eigentlich heißt es ja korrekt C2 H5 OH, aber wir aus der Medizin mögen es gerne kurz und knackig. Hinter diesem Kürzel steht dann meistens noch Intox, oder  ganz allgemein  „Hilope“. Der Intox ist schlicht die Vergiftung egal ob mit Alkohol oder anderen Substanzen. Die „Hilope“ beschreibt das ganze Drama viel besser, nämliche eine Hilflose Person. Früher waren das gerade die Obdachlosen, zu denen meine Kollegen und ich ausrücken mussten. Heute ist das eigentlich jeder, der irgendwo rumliegt und danach aussieht, als könnte er Hilfe gebrauchen.

Meine eigenen Erfahrungen mit Alkohol verliefen eigentlich immer harmlos. Einen Filmriss hatte ich nie, das Innere eines RTW oder Krankenhauses habe ich nie zu sehen bekommen. Zum einen bin ich noch in einer Zeit groß geworden, wo es normal war, dass die Kumpels auf einen aufgepasst haben und wenn es einem wirklich richtig dreckig ging, entweder denjenigen heim gebracht haben, oder die Eltern anriefen. Zum anderen hatte ich nie das Bedürfnis mir komplett die Lichter auszuschießen.

Nach 13 Jahren Rettungsdienst kann ich folgendes sagen: „Ich habe die Schnauze voll, wenn ich die Überschrift auf meinem Melder lese“. Ich „helfe“ wirklich gerne, aber nichts bringt mich so schnell auf die Palme, als irgendwelche Besoffenen einzusammeln. Wer mich persönlich kennt, weiß dass ich eigentlich die Ruhe selbst bin und eine fast unendliche Geduld habe. Aber da, ein falsches Wort und ich werde richtig laut und unfreundlich.

 

Die ersten Betrunkenen waren noch interessant und manchmal auch lustig. Als wir irgendwann am Wochenende nur noch von Disco zu Disco gefahren sind, oder morgens um kurz nach 8 Uhr an einem normalen Wochentag unsere Stammkundschaft eingesammelt haben, war es auch mit meiner Sozialromantik vorbei. Einige Geschichten habe ich diesen und anderen hier im Blog schon eine Geschichte gewidmet.

Goldener Spitzenreiter war „Bernd“. Der Stammkunde, der uns fast täglich beschäftigte, wenn er nicht im Knast saß oder auf Entzug war. Eigentlich ein netter und intelligenter Kerl, aber wenn er so richtig knülle war, eine Nervensäge. 9 Jahre ging dieses Spiel, bis er sich eines Abends zum Ausnüchtern auf eine Nebenstraße legte und überfahren wurde.

Neben unseren Stammkunden, die entweder zum Entzug gefahren werden wollten, gab es noch die, die aus Lust oder Frust sich die Birne weggeballert hatte. Jüngstes Exemplar war eine 13-jährige, die mit ihren Kumpels damals am Rhein saß und als wir kamen nur noch lallte. Danach kommen die Party- und Discosäufer, die so meistens zwischen 15 und 30 Jahre alt waren. Und die waren und sind die schlimmsten. Nicht unbedingt weil sie voll sind oder dir ins Auto kotzen, sondern weil gerade die testoterongesteuerte männliche Gattung immer aggressiver wurde.

Ab wann das begann, ich kann es euch nicht mehr wirklich sagen. Aber kaum betraten wir die Szene und sprachen unseren Patienten an, kam meist: „Verpisst euch“ oder auch „Ich haue euch auf die Fresse“. Meist dazu noch mit Kommentaren seiner Kumpels die dann uns doch endlich zum Helfen aufforderten. Wenn man diesen und auch dem Patienten dann noch erklärte, dass ein bisschen betrunken sein, keine Indikation für den Rettungsdienst sei, wurde man beleidigt oder auch bedroht. Wie oft ich das Wort Arschloch oder anderes gehört habe, ich weiß es nicht mehr. Meistens ging es ohne Anwesenheit der Polizei nicht mehr, weil es einfach zu gefährlich für uns wurde.

 

Einige Kollegen und auch mancher Arbeitgeber hat zum Schutz seines Personals schon stich/schusssichere Westen beschafft. Ich sehe diese Entwicklung mit großer Sorge. Wie schnell ein Routineeinsatz mit einem Betrunkenen zur Tragödie wird, konnte jeder von uns an Weihnachten im hessischen Herborn sehen. Auch wir Rettungsdienstler werden immer öfter von alkoholisierten Patienten angegriffen.

 

Vom Himmel gefallen…

15. Dezember 2015

In Deutschland hatte ich mit Sportunfällen eigentlich wenig zu tun, okay, der klassische Bänderriss beim Fußballer am Samstag mal außen vor gelassen. Die bekamen immer ein Kühlakku und einen Spruch à la „Hallenhalma spielen ist ungefährlicher“ mit auf dem Weg.

Was ich aber hier in meinen 3 Jahren in der Schweiz an wirklich schweren Sportunfällen gesehen und gefahren habe, das ist echt heftig! Von einem möchte ich euch erzählen.

Hier in den Bergen ist im Sommer wie im Winter eigentlich immer was los. Im Winter sind es die Ski-, Snowboard- und Schlittenfahrer und im Sommer der Wanderer oder Gleitschirmpilot. Vor diesem Einsatz hatte ich schon 3 schwere Unfälle mit Gleitschirmpiloten gehabt und hatte nicht den dringenden Wunsch, Nr. 4 auch noch begrüßen zu müssen.

Ich saß mit Tim auf unserer Leitstelle, denn die hatten uns mit einem Kaffee zu sich gelockt. Und da wir gerade eh nichts besseres vor hatten, saßen wir auf dem Balkon der Kollegen und genossen bei schönem Wetter unser Getränk. Tim meckerte nur, weil der Fön im beinahe seine selbst gedrehten Kippen vom Tisch gefegt hätten. Und dieser kleine „Wind“ sollte heute noch mehr mit wehen, als uns lieb ist.

Karlo packt seinen neuen Schirm aus, er steht auf einem schönen Plateau mit Aussicht über das ganze Tal. Von hier aus starten viele Piloten auf ihre teils 4 Std. langen Flüge. Nur ist heute halt wirklich, obwohl die Sonne scheint, kein Wetter zum fliegen. Schon beim Auspacken hätte Karlo eigentlich merken müssen, dass es echt keine gute Idee ist. Seine Kollegen helfen ihm beim Anziehen und den Schirm auszulegen. Er geht ein paar Schritte und plötzlich kommt der Fön und zieht ihn so 15 Meter in die Höhe. Eigentlich nicht so das Problem, aber so schnell wie der Fön kam, ist er auch schon wieder weg.

Unser Patient kracht aus 15 Meter ungebremst mit den Beinen voran auf den Rasen. Es macht laut Knack und dann ist es einen Moment kurz ganz ruhig. Seine Freunde eilen sofort zur Hilfe, rufen die 144 an und befreien Karlo von seinem Schirm. Keine Minute später kommt unser Disponent auf den Balkon und reicht uns einen Zettel. Als ich das Wort Gleitschirm lese, hab ich schon keine Lust mehr, wieso müssen diese Typen immer dann vom Himmel fallen, während ich Dienst habe!? Aber es hilft ja nichts, ich setze mich hinters Steuer und Tim sucht den kürzesten Weg auf der Landkarte.

15 Min später erreichen wir das Plateau, nur sehen wir keinen Schirm, den man erwarten würde, wenn jemand mit diesem Ding vom Himmel gefallen ist. Dafür sehen wir, als wir neben den winkenden Menschen angehalten haben, dass es mächtig Arbeit auf uns zu kommt. Denn der linke Oberschenkel ist 3 mal so dick wie der Rechte und die abnorme Lage bedeutet einfach nix gutes. Noch bevor wir aussteigen fordere ich einen RTH nach, weil wir einfach zu lange in das nächste Spital brauchen würden und Karlo hat halt einfach keine Zeit.

Wir arbeiten routiniert, ich übernehme den Kopf und das Monitorring und Tim macht einen Bodycheck. Auch wenn das Bein schlimm aussieht, wir dürfen andere Verletzungen nicht übersehen. Zum Glück hat er sich nur noch einen Ellenbogen gebrochen. Unter dem linken Bein hat sich schon eine größere Blutlache gebildet. Mit vielen Kompressen bekommen wir die Blutung in den Griff. Danach lagern wir ihn auf unsere Vakuummatratze und schieben ihn in unser Auto. Hier gibt es auch Schmerzmittel und Karlo braucht viel davon.

5 Minuten später landet auch schon unser RTH. Der Doc bekommt eine ausführliche Übergabe und schon laden wir ihn in den RTH. Man bedankt sich noch für den Einsatz und schon starten sie ins nächste Unispital. Unser Auto sieht aus wie Sau, aber wir sind froh, dass alles wie am Schnürchen funktioniert hat. Einige Wochen später erfahren wir durch Zufall, dass Karlo die OP gut überstanden hat und das Bein auch wieder wird. Ganze 6 Monate dauerte aber seine Reha.

 

Dann möchte ich euch noch Narkosearzt vorstellen, der auch schon länger bloggt. Schaut doch mal bei ihm vorbei!

Geburtstag…

29. November 2015

Dieses Jahr hab ich meinen Blog-Geburtstag nicht vergessen wie die Jahre zuvor :) 6 Jahre wird mein Blog heute alt. Der Kleine könnte quasi morgen in die 1. Klasse eingeschult werden :) Die letzten 2 Jahre waren für euch Leser eine harte Zeit, denn ich habe fast nichts mehr geschrieben.

Gründe gibt es viele. Viel Negatives ist passiert, aber auch einiges Schönes. Ich hoffe nächstes Jahr steht unter einem besseren Stern als dieses Jahr. Ich habe auch immer versprochen, wieder mehr zu schreiben, aber das konnte ich eigentlich nie halten. Deswegen sage ich heute, es wird wieder Geschichten geben, aber in welchem Abstand, das werde ich offen lassen.

Ich wünsche euch eine schöne Adventszeit.

Euer Paul

Chaoskatze…

27. November 2015

Hallo ihr Lieben…

 

Ich muss euch leider mitteilen, dass Katze heute Morgen friedlich eingeschlafen ist. Mir fehlen einfach die Worte…

 

Ich durfte sie einmal in Frankfurt sehen und ich war begeistert und ein bisschen verliebt in diese Frau, die so viel Charme, Witz und Intelligenz besaß. Sie redete so unbekümmert und ließ sich von ihrer schweren Krankheit nichts vorschreiben. Wir saßen im Cafe und redeten als würden wir uns schon lange kennen. Das letzte Mal sah ich sie in Locarno, als sie dort Ferien machte. Sie erzählte von dem Film, ihrer OP und dass sie Lust auf Motorrad fahren hatte.

Du bist viel zu früh gegangen Katze, du fehlst mir, obwohl wir wenig Kontakt hatten. Ich hoffe, dir geht es da oben gut und du hast Bier, einen Kicker und gute Musik, mit der ich nichts anfangen konnte :-)

 

Dein Paul

Flüchtlinge…

23. November 2015

Heute ein Gastartikel von Anne http://bachnotizen.blogspot.de

Montagmorgen in der bayrischen Landeshauptstadt. Der Taxi- und Bushalteplatz am Nordausgsng des Münchner Hauptbahnhofes ist nicht wiederzuerkennen. Ein Zaun mit einer Plane trennt das Areal ab und schützt es vor den Blicken der Passanten. Schaut man von oben über die Absperrung drüber, sieht man einen großen LKW, vier große Zelte, verschiedene Rettungsdienst- und Polizeifahrzeuge. Läuft man an der Absperrung entlang weiter um den abgetrennten Platz herum, kommen ein Bus älteren Baujahrs, ein Aggregat des Technischen Hilfswerks, ein weiterer RTW und noch mehr Absperrungen in Sicht. Absperrungen der Art, wie man sie von Demos kennt.

Ich habe mich bereiterklärt, beim medizinischen Screening der ankommenden Flüchtlinge zu helfen. Der sehr zaghafte Versuch, sich irgendwie sinnvoll zu beteiligen. Für spontane Hilfe, wie sie von den nichtmedizinischen Helfern damals oft benötigt wird, wohne ich zu weit außerhalb Münchens, bin ich mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht schnell genug da.

De Ansturm ist nicht so groß, daß keine Zeit zum Erklären bliebe. Aber die Flüchtlinge kommen, und das doch irgendwie in Scharen. 200-300 pro Tag waren es damals in der dritten Septemberwoche. Syrer, Eritreer, Albaner, Iraner, … Viele junge Männer. Gelegentlich Familien. Manchmal auch nur Frauen mit Kindern, in kleinen Gruppen. Nach der medizinischen Schnelluntersuchung werden sie, sofern nicht ernsthaft krank, zum Warteraum geführt, wo die registriert werden und dann Essen bekommen und sich ausruhen können, bevor es mit dem Bus zu einer Unterkunft geht.

Im Gedächtnis bleiben mir zwei junge Männer mit Bauchschmerzen. Wir sind auch der medizinische Ansprechpartner für die auf die Busse wartenden Flüchtlinge und diese zwei suchen uns mehrfach auf. Der eine gibt als Alter 25 an, wirkt auf mich aber älter. Beim zweiten Besuch erbricht er sich bereits, obwohl er nur wenig oder gar nichts gegessen hatte und langsam wird klar: das ist nichts organisches. Wir kommen nicht drumherum, den Krankenwagen zu rufen. Die Kollegen sind auch bald da. Es läßt sich nicht vermeiden, daß nun sechs Leute um die Trage, auf die er sich gerade noch legen konnte, herumstehen und verschiedene Handgriffe vollziehen oder Infos weitergeben. Innerhalb von erschreckend kurzen 2 Minuten wird aus dem bislang doch noch recht fitten Mann ein nicht ansprechbares schlaffes Etwas, das nicht wieder wach zu bekommen ist. Die Kollegen fahren weg, zurück bleiben wir mit dem Gefühl “haben wir etwas falsch gemacht?”

Bauchschmerzpatient Nummer 2 ist jünger, schlaksiger, bereits mit Tabletten versorgt, als er ein weiteres Mal aufkreuzt: die Schmerzen seien so schlimm und überhaupt … Es ist nicht besonders warm an diesen Herbsttagen, aber wir können ihn nicht überreden, statt der Badeschlappen die im Rucksack verstauten Turnschuhe anzuziehen. Letztlich geht er zum Bus zurück, taucht aber mit einem Dolmetscher noch ein drittes Mal auf, bevor sein Bus endlich abfährt.

Später am Abend kommen eine ganze Weile keine Züge mit Flüchtlingen, dafür ist derjenige THWler da, der das Stromaggregat versorgt, und nicht nur die Arbeit an der Anlage, sondern auch die Tatsache, daß er noch etwas bei uns bleibt, bietet uns (in dieser Schicht vornehmlich jüngeren Leuten) etwas Abwechslung.

Man muß sich diese Schichten teilweise vorstellen wie jeden anderen Sanitätsdienst auf Veranstaltungen auch. Man wartet zunächst auf die Arbeit. Ist die Arbeit dann aber da, präsentiert sie sich gern in ungeahnter Komplexität. Eine Familie mit fünf Kindern, die allesamt schwer erkältet sind (und alle jünger als zehn Jahre). Ein Junge, der seit zwei oder drei Tagen dieselbe Kleidung trägt und innerhalb von einer Stunde einen schwer einzuordnenden Hautausschlag entwickelt. Väter mittleren Alters mit Schmerzen, die sie seit Wochen begleiten.

Es ist inzwischen Ende Oktober. Die Flüchtlinge kommen jetzt nicht mehr in kleinen Gruppen mit dem Zug, sondern werden per Bus gleich zur Notunterkunft gebracht. Ein Bus, das sind zwischen 45 und 50 Flüchtlinge. Manchmal kommen drei bis vier Busse gleichzeitig und die Fahrer sind, wenn sie endlich “ausladen” dürfen, bereits ungeduldig. Je mehr Leute warten, umso hektischer und ggf. unvollständig ist das Screening. Es gibt keinen Extrabereich, in dem die Frauen unter Anwesenheit einer Sanitäterin das Kopftuch kurz abnehmen könnten, also wird darauf verzichtet, bei den Frauen nach Läusen zu suchen.

Überhaupt Frauen. Ihr Anteil ist jetzt größer und wird nur in den Schatten gestellt von der noch mehr gestiegenen Anzahl Kinder. Es sind jetzt praktisch immer Kinder da, die zwischen den Erwachsenen spielen, herumrennen, nach Essen und Aufmerksamkeit verlangen. Es gibt scheinbar keine Altersgrenze nach unten.

Am frühen Abend kommt die Gesellschaft in Bewegung. Diejenigen, die den Bussen für den Transport in die nächste Einrichtung zugeteilt sind, müssen sich im Wartebereich sammeln. Die anderen nehmen jetzt, ab 17/18 Uhr, wenn der richtige Arzt schon weg ist, die Gelegenheit wahr, das Sanitäterteam aufzusuchen. Mit den eher ernsthaften oder zumindest chronischen Sachen, natürlich, und jeder hat es eilig, dranzukommen. Erkältung hier, Muskelschmerzen da, Erbrechen und Bauchweh bei Kindern. Hin und wieder geben wir auch Erkältungsmittel an die Sicherheitsleute ab. An manchem Abend muß ein- bis zweimal der Krankenwagen kommen. Wir schicken einen Angehörigen mit in der Hoffnung, das Krankenhaus verfüge schon über Dolmetscher. Und dann steht im Entlaßbrief “keine Anamnese möglich”. Zum Glück haben die jeweiligen Ärzte gründlich untersucht und die Patienten dann doch mit Besserung und sinnvoll erscheinenden Therapieempfehlungen zurückgeschickt.

Vor wirklich ernsthaften Fällen wie einem einjährigen Jungen mit Klumpfüßen müssen wir kapitulieren.

Und dann ist wieder einmal für mehrere Tage Ruhe und man beginnt, sich Sorge um die “ausbleibenden” Flüchtlinge zu machen.

Interessante Reportage Teil 53…

17. November 2015

Heute möchte ich euch eine Reportage der Schwäbischen Post über den Rettungsdienst der Malteser Aalen zeigen. Sie ist meiner Meinung bisher die Beste, die ich in einer Zeitung gesehen habe.

 

http://www.schwaebische-post.de/reportagen/von-7-bis-19-uhr-unterwegs-mit-dem-rettungswagen/

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