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Begafft werden…

27. Mai 2016

Wie es ist, wenn Menschen da stehen und einen fotografieren oder Bilder von einem machen, das hat Schrokim erlebt.

Hallo Gaffer,

ja, ich spreche dich direkt an. Warum? Weil ich finde, dass du ein empathieloses, sensationsgeiles Arschloch bist.
Das bist du, weil du nichts Besseres zu tun hast, als Rettungskräfte zu behindern, Unfallopfer zu entwürdigen, nur um deine kranke Art der Befriedigung zu finden.

Stell dir vor, es ist ein schöner Tag, du bist gut drauf, alles ist super. Du hast noch einige Dinge zu erledigen, steigst ins Auto und plötzlich ist alles anders. Nein, du bist nicht betrunken und dein Fahrstil entspricht den Verkehrsregeln. Du bist nur zur falschen Zeit am falschen Ort, als dir ein 18Tonner die Vorfahrt nimmt und dich an einer Mauer zerquetscht.
Ein sehr spektakulärer Vorfall. Es sieht aus, wie bei ner Szene aus Cobra11, nur mit dem Unterschied, das hier ist echt.
Je spektakulärer, desto besser. Ein Auffahrunfall an der Ampel, nur mit Blechschaden und vielleicht einem Schleudertrauma ist langweilig. Da hält ja noch nicht mal jemand an, um Hilfe anzubieten.

Du kommst nun an diese Unfallstelle an besagter Mauer und denkst, wow, was für ein Crash. Es dauert nicht lange und deine Gruppe der Schaulustigen wird immer größer. Ihr beobachtet das Geschehen und viele Fragen gehen euch durch den Kopf. Um Antworten zu bekommen, traut ihr euch näher ran. Vielleicht kann man ja hören, was Rettungsdienst/Feuerwehr/Polizei so spricht.

Es ist ein Unfall, geschaffen für den ambitionierten Gaffer, denn die Rettung dauert sehr lange. Die Feuerwehr versucht einen Zugang zum verkeilten Wrack zu ermöglichen, während der Notarzt irgendwo in den Trümmern verschwindet, um nachzuschauen ob sich Arbeiten unter Zeitdruck überhaupt noch lohnt.
Du beobachtest mit Adleraugen die Szenerie, um ja nicht zu verpassen, wenn der Notarzt die Arbeit einstellt, weil es vorbei ist.
Neben dir läuft ein Feuerwehrmann vorbei, nass geschwitzt, der gerade noch mit der Schere am Wrack herumgewerkelt hat. Er beantwortet keine deiner Fragen. Du weißt nicht, dass dieser Feuerwehrmann gerade das Unfallopfer erkannt hat.

Je mehr vom Wrack und Opfer „freigelegt“ ist, je mehr kann man erkennen. „Oh, das sieht böse aus“ „Hast du das Bein gesehen?“ „Nee, sowas überlebt man nicht“ „Sieht aus wie tot“
In diesem Moment wurde das Unfallopfer entwürdigt. Jetzt hatte ich meine Würde verloren.

Wenn ich heute an einem Unfallort vorbeifahre, bekomme ich Beklemmungen. Ich habe nicht das Bedürfnis zu gaffen, weil ich keinem Menschen die Würde nehmen möchte.

Hey Gaffer, denk mal drüber nach „was wäre wenn ich …..“ Und wenn die Versuchung zu gaffen wieder groß ist, ruf dir eines ins Gedächtnis „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu“.

Und verdammt nochmal, lass die Rettungskräfte unbehelligt ihre Arbeit tun. Sie retten Leben! Vielleicht auch mal deins.

Gaffer…

26. Mai 2016

Wir sprachen ja letztens über Gewalt gegenüber Rettungsdienstkollegen. Hermione hat auf ihrem Blog danach dazu aufgerufen, dass ihr auch über eure Erfahrungen schreiben sollt. In ihrem Artikel ging es auch um das Thema Respekt und ich möchte heute noch dazu etwas schreiben.

 

Gaffer…

Was hat das mit Respekt zu tun!? Hat es auch mit meinem letzten Artikel zu tun? Alles kann ich mit Ja beantworten! Gaffer gab es schon im frühen Rom, diese saßen in einer Kampfarena und ergötzen sich, wie die armen Sklaven den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurden. Oder auch im Mittelalter, wo angebliche Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Das waren richtige Familienausflüge. Auch kleine Kinder standen damals in der ersten Reihe.

 

Diese Neugier ist in jedem Menschen von uns drinnen. Wenn irgendwo was passiert ist, kommen wir alle zusammen und staunen. Per se ist das ja auch nichts Schlechtes, wenn man sich den neuen Ozeanriesen anschaut, der da vielleicht gerade in den Hamburger Hafen einläuft. Nachdenklich sollten wir aber langsam werden, wenn unsere Nachbarn nachts um 3 im Bademantel vor dem Haus stehen, weil nebenan das Wohnhaus abbrennt.

Das Leid der anderen, was löst das in uns aus, wenn wir dabei stehen und zuschauen!? Erfreuen wir uns vielleicht sogar daran, á la « besser der als ich»!? Oder lenkt das vom eigenen, vielleicht langweiligen Leben ab, weil wir dann am nächsten Morgen beim Bäcker stolz berichten können, was man da nachts gesehen hat!? Eine wirkliche Antwort kann ich euch darauf nicht geben.

Jetzt könnte man ja auch sagen, eh Paul, wo ist denn jetzt das Problem!? Lass die doch zuschauen, passiert ja nix. Das stimmt leider so nicht.

Die Polizei Hagen hat vor knapp einem Monat dies auf ihrer Facebookseite geschrieben:

https://www.facebook.com/Polizei.NRW.HA/posts/535167986655510:0

Und das ist leider kein Einzelfall mehr. Wie gesagt, Gaffer gab es schon als Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Was aber hier seit geraumer Zeit passiert, ist eine immer aggressivere Haltung von Menschen, die meinen ihr Recht auf „Information“ so durchsetzen zu müssen. Da müssen mehrere Streifenwagen eingesetzt werden, nur weil über 100 Menschen meinen, ihr Drecks Smartphone zücken zu müssen und das verletzte Mädchen zu filmen.

Keine 2 Wochen später, wieder in Hagen, wird sogar ein zufällig in der Nähe befindlicher Polizist mit seinem Diensthund eingesetzt, weil wieder Gaffer meinen, die Kollegen von Feuerwehr und Rettungsdienst bei der Arbeit behindern zu müssen.

http://www.derwesten.de/wp/staedte/hagen/nach-unfall-in-hagen-wird-polizeihund-gegen-gaffer-eingesetzt-id11800555.html

Ich kann mit Worten gar nicht beschreiben wie mich dieses primitive Verhalten von Menschen ankotzt.

Da wird ein Retter angepöbelt, weil er für den filmenden Familienvater für seine Aufnahme im Weg steht. Da müssen extra Kollegen abgestellt werden, um Decken hoch zu halten, weil 50 Menschen ihr Handy gezückt haben.

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Was stimmt mit euch Arschlöchern da draußen nicht!? Wo und wann ist in eurer Erziehung irgendwas schief gelaufen? Oder fühlt ihr euch als Journalisten, weil ihr für BILD als Leserreporter unterwegs seid?

Filmbeitrag

Respekt ist das, was diesen Menschen fehlt, wenn sie das Leid von Anderen filmen und die Arbeit meiner Kollegen und mir so massiv behindern. Wo geht diese Entwicklung hin!? Vielleicht habt ihr eine Antwort für mich!?

 

Wir müssen mal reden…

20. Mai 2016

Eigentlich wollte ich heute einen Artikel über die Fachmesse RettMobil schreiben, aber wir müssen mal über etwas reden, was mir auf dem Herzen liegt. Was ich nämlich dort gesehen habe, bestürzt mich immer mehr.

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Und ja ihr seht richtig. Vielleicht würde man ohne die Aufschrift auf der Weste denken, ich wäre auf einer Messe für Polizei und Militär gewesen. Auf der letzten Messe war mir der Stand schon mal aufgefallen, aber ich habe nicht großartig drüber nachgedacht. Damals hab ich mich eher über die „Kollegen“ aufgeregt, die dort weit von der Heimat entfernt ihren Melder mit sich rum getragen haben.

Wobei es meist auch diese Kollegen sind, die diese Weste für knapp 140 Euro bisher als potenzieller Käufer auch gekauft haben, dachte ich zumindest. Aber vor kurzem dachte ein Kollege laut über die Beschaffung so einer Weste nach und ich schätze diesen Menschen sehr. Auf meiner alten Arbeit in Deutschland tragen auch schon einige diese Weste.

Manche werden sich jetzt auch fragen, gibt es einen Markt dafür? Wer sind diese Menschen, die sich so etwas privat kaufen, oder gibt es sogar Chefs die ihre Mitarbeiter damit ausrüsten!? Ja es gibt diesen Markt, wie mir der Geschäftsführer erzählte, der diese Westen seit 4 Jahren in seinem Sortiment führt. Die Ersten waren die, die sich privat eine besorgt haben, in den letzten 2 Jahren kamen auch größere Bestellungen von Rettungsdiensten. Und nein, die liegen nicht in LA oder in der Bronx von New York, sondern mitten in Deutschland.

Aber der Rettungsdienst, das sind doch die Guten, die werden doch gar nicht angegriffen, oder doch!? Vor 15 oder 20 Jahren war der gemeine Sanitäter noch eine Respektsperson, wie der Schutzmann um die Ecke. Das Bild hat sich in den letzten 10 Jahren sehr gewandelt. Heute liest man fast jede Woche von einem Übergriff auf Kollegen. In den Großstädten Hamburg, Berlin, Köln und München wurden in 2014  4000 Übergriffe registriert.

Mal ein Auszug aus diesem und letztem Jahr.

71-Jähriger greift „Sanitäter“ in Vaterstetten an. http://www.merkur.de/lokales/ebersberg/vaterstetten/angetrunkener-unfallfahrer-71-vatersretten-greift-sanitaeter-6021963.html

25-Jähriger beleidigt Rettungsassistentin auf sexueller Basis.

http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/6337/3221058

52-Jähriger bedroht RTW-Team und stiehlt das Fahrzeug. http://ruhraktuell.com/fahndungen/rettungswagen-der-feuerwehr-bergisch-gladbach-im-einsatz-entwendet/?utm_source=dlvr.it&utm_medium=facebook

Rettungsdienstler wird durch Angehörigen bei Reanimation bewusstlos geschlagen.

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/feuerwehr-empoert-ueber-angriffe-auf-sanitaeter-aid-1.5715564

37-Jähriger greift RD-Personal und Unbeteiligte an. http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/110972/3040441

Unbekannter besprüht Rettungssanitäter auf der Wache mit Reizstoff. http://www.gnz.de/artikelansicht01/noticias/164877/polizeibericht/reizgas-attacke-auf-drk-mitarbeiter

Und das ist nur ein Auszug der Fälle, die bekannt geworden sind. Viele verbale Übergriffe und kleine Schubser gegenüber den Kollegen werden erst gar nicht gemeldet oder angezeigt. Auch ich wurde in 14 Jahren Rettungsdienst schon bedroht, beleidigt und körperlich angegriffen. Das Wort „Arschloch“ ist schon fast zum gepflegten Umgangston von meist alkoholisierten männlichen Patienten geworden.

Brauchen wir aber deswegen eine Stichschutzweste, die auch eine 9 mm Kugel abhält, oder das Pfefferspray am Gürtel!? Ich weiß es ehrlich nicht. Steigert das „militärische“ Aussehen nicht unseren Gegenüber zu mehr Aggressivität oder ermutigt uns der vermeintliche Schutz zu mehr Risiko bei Einsätzen!?

Was ich aber weiß, dass wir Rettungsdienstler nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung sind. Der Spruch „So wie es in den Wald hinein schallt, schallt es auch zurück“ hat bis heute Bestand. Wer kennt es nicht, in der Nacht zum 5. Mal in die gleiche Disco zu fahren und den nächsten C2-Intox zu holen. Man ist mäßig motiviert, der Patient möchte eigentlich keine Hilfe und dann sagt man vielleicht etwas, was man lieber hätte runter schlucken sollen, und schon pöbeln der Patient oder seine Freunde uns an. Und dann wird noch ein bisschen geschubst und wir rufen die Polizei, weil der Patient so aggressiv ist.

Aber auch unsere Patienten haben sich verändert. Für viele sind wir schon alleine durch das Tragen einer Uniform der verlängerte Arm des Staates, und der muss bekämpft werden.

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Das Bild zeigt ein Löschfahrzeug der Berufsfeuerwehr Frankfurt. Die Kollegen waren zum Löschen brennender Barrikaden im Rahmen der Eröffnung der EZB unterwegs.

Da möchte man helfen, wird angegriffen, weil man der Polizei hilft. Zum Glück wurden nur 2 Kollegen leicht verletzt. Aber auch aus anderen Gründen werden wir angegriffen. Sei es, weil wir angeblich viel zu lange bis zum Unfallort brauchen, oder weil es den Umstehenden bei der Behandlung viel zu lange dauert.

 

Also was müssen wir tun, um diese Spirale zu durchbrechen, oder sind wir längst zum Zuschauen verurteilt worden!? Ein Schritt in die richtige Richtung meiner Meinung ist es, das Personal besser zu schulen. Denn wer die Zeichen erkennt, der vermeidet vielleicht weitere Eskalation. Aber eine 100 % Sicherheit wird es auch trotzdem nicht geben.

Bleibt vorsichtig!!

#KeineGewaltgegenRetter

Neue Blogs…

17. Mai 2016

Ich habe schon vor einiger Zeit meinen Blogroll ein bisschen entstaubt. Heute kann ich euch 2 neue Blogs vorstellen.

Ganz besonders freue ich mich auf Rettungsmädchen . Sie macht gerade auf eigene Kosten ihren Notfallsanitäter in Österreich, neben ihrem eigentlichen Job.

Dann darf ich euch noch DoktorohneDoktor vorstellen. Er ist Hausarzt und mir gefallen seine kurzen Artikel, die einfach gut geschrieben sind.

Noch kurz möchte ich eine Reportage über die Crew eines Neuseeländischen RTH zeigen.

Neues Leben mit Hindernissen…

9. Mai 2016

Es macht tock, tock, tock, tock, tock, tock, tock, tock, tock, tock, tock….

 

……………………………………………………………………………….. die Hebamme schaut den „Herzmesser“ auf dem Bauch der Schwangeren an, schüttelt ihn kurz und legt ihn wieder auf den Bauch der Mutter.

 

Bis jetzt wuselte jeder vor uns so hin in der kleinen Wohnung. Und wir sind eigentlich zu viele, denn wir sind zu 5 hier vor 10 Minuten aufgeschlagen. Eigentlich waren wir vor 15 Minuten aufgebrochen zu einer gewöhnlichen Geburt, wie sie jeden Tag auf der Welt im Rettungsdienst vorkommt. Die meisten Geburten sind eigentlich ziemlich einfach, man kommt an, und entweder ist die Messe schon gelaufen und das Kind schon da, oder wir sind so schnell in der Klinik, dass dort im Kreißsaal in aller Ruhe entbunden werden kann.

„Ruhe“, zischt die Hebamme, die bis eben noch die Entspannteste hier im Raum war. Wir bleiben wie angewurzelt stehen und schauen auf unsere Patientin und die Dame zwischen deren Beinen.

Meine letzte Geburt liegt gut 10 Jahre zurück, damals war ich noch so grün hinter den Ohren, wie mein Schüler David gerade. Der blättert nämlich angestrengt in unseren Algorithmusheftchen nach der Geburt. Ich grinse ein bisschen und versuche ihn zu beruhigen. „Mensch David“, sag ich, „entweder ist das Ding eh schon durch, oder das Kind lässt sich noch 5 Std. Zeit und wir können in aller Ruhe noch in den Kreissaal fahren. Und schau mal, das NEF hat noch die Hebamme aus der Klinik mit dabei, da kann nix schief gehen.“

Wir kommen in malerisches kleines Dörfchen und sorgen natürlich für Aufsehen, weil wir schon mit unserer Ambulanz die Hauptstraße blockieren. Ich schnapp mir einen Teil unseres Equipments und David den Rest. Wir müssen leider erst mal suchen, denn unsere Leitstelle hatte zwar Straße, Hausnummer und Namen, nur gab es den Namen nicht am Klingelschild.

Also mussten wir erst mal suchen und in der Ferne hörte ich schon das Horn von unserem Notarztauto. Nina, unsere Notärztin, rief noch mal unsere Leitstelle an um sich Hausnummer und Straße bestätigen zu lassen. Die Kollegen hatten leider die falsche Hausnummer notiert, zum Glück mussten wir nur 2 Häuser weiter.

Frau Antamatten lag entspannt auf dem Schlafsofa und wir bauten unsere Geräte drumherum. Nina überließ der Hebamme das Kommando und wir sorgten einfach nur dafür, dass wir hier und jetzt entbinden können. Die Wehen kamen schön alle 2 Min, es war das 2. Kind und wir waren uns sicher, dass es gleich eine entspannte Hausgeburt geben wird.

Ich habe keinen Herzschlag im Moment beim Kind, wir müssen jetzt ganz schnell umdisponieren.

Unsere Schockstarre dauerte nur ein paar Sekunden, ich schickte David und unseren NEF-Fahrer zum Auto und ließ Trage und alles was dazu gehört bereit machen. Ich raffte unser Material irgendwie zusammen und bestellte über mein Handy schon mal das Schockraumteam unseres Spitals. Im Rekordtempo hatten meine Kollegen den Rest vorbereitet und nun ging es im Schweinsgalopp in den RTW.

Wir konnten eigentlich nur zuschauen wie die Hebamme weiter versuchte das Kind auf die Welt zu holen. Unser NEF Fahrer fuhr mit Blaulicht voraus und versuchte uns den Weg zum Spital frei zu machen.

Wir waren noch 3 Minuten vom Schockraum entfernt, als es plötzlich „plopp“ machte und ein kleiner Mensch auf unsere Trage rutschte. Und als der kleine Junge auch noch freudig schrie fiel uns allen ein riesen Stein vom Herzen, ich hatte plötzlich was im Auge und wir grinsten alle.

 

 

 

 

Wenn es abwärts geht…

18. April 2016

Im Rettungsdienst gibt es immer mal wieder Einsätze, da steigt man auf den RTW und stöhnt innerlich ein bisschen. AZV ist so ein Einsatzstichwort und ich höre schon wie viele Kollegen nickend zustimmen:) Was ist dieses AZV überhaupt, werden jetzt die Laien fragen!? Tja, ausgeschrieben heißt das Allgemeine ZustandsVerschlechterung. Tolles Wort, oder? Und was bedeutet das jetzt Paul? Etwas böse gesagt beschreibt dieser Zustand, dass der Hausarzt eigentlich keinen blassen Schimmer hat, was dieser Patient gerade hat. Aber so ganz gut geht es ihm halt nicht, deswegen weist man ihn ins Krankenhaus ein.

Diese Einsätze sind aber auch eigentlich für den „bequemen“ Retter super, denn eigentlich mehr als EKG, Sauerstoff und eine Infusion sind selten von Nöten. Sich aber darauf verlassen, dass das immer so läuft, sollte man lieber nicht. Wer nämlich dort nur mit seinem Koffer und eigentlich Null Bock auftaucht, der gerät durchaus auch mal kräftig ins Schwitzen.

Ich hätte es eigentlich an diesem Tag schon wissen müssen, bevor ich überhaupt in meinen RTW eingestiegen bin. Denn ich fuhr an diesem Tag mit Beat. Und wenn Beat, Schüler im 2. Jahr, und ich auf dem gleichen Auto sitzen, so greifen wir immer ins Klo. Da wird aus einem harmlosen Sturz  gleich ein Polytrauma, und ich bin ja der Meinung, es hängt an ihm und nicht an mir:)

Es ist morgens gegen 9, als unsere Melder bimmeln und Beat leise aufstöhnt. Es geht ohne Blaulicht zu einem Patienten mit na was wohl!? Ja genau eine AZV:) Ich grinse ein bisschen vor mich hin, denn Beat ist Chef für diese Tour und ich bin nur sein Assistent. Wir fahren gemütlich und kommen einige Minuten später an und stehen vor einem Hochhaus im Süden der Stadt. „Willst du was mitnehmen“ frage ich ihn!? „Ja lass uns mal alles mitnehmen, ich will ja nicht, dass du 5 Mal laufen musst“ antwortet er:) Natürlich wohnt unser Patient nicht im Erdgeschoss, sondern ganz oben. Natürlich ist der Aufzug nur für Zwerge und ich hoffe unser Patient kann sitzen, denn sonst müssten wir 6 Stockwerke laufen.

Oben angekommen begrüßt uns schon die einweisende Ärztin. Die Luft fehlt Herr Schneider, das höre ich bis an die Wohnungstür. Jaja, von wegen nur eine kleine AZV, denke ich mir und laufe dem brodelnden Patient entgegen. Beat und ich gucken uns an und ich übernehme den Chefposten. Denn jetzt muss es schnell gehen, denn unser Patient hat ein massives Lungenödem und bei seinem Alter und den Vorerkrankungen, die uns Frau Doktor herunterrasselt, ist das nicht wirklich gut. Irgendwie hab ich kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache. Ich schicke Beat runter, damit er unseren Tragestuhl holt. Bis er wieder da ist, hat Herr Schneider Medikamente, Sauerstoff und ein EKG geklebt bekommen. Wir lagern ihn um und quetschen uns zu 4. und unser Material in den kleinen Fahrstuhl. Jetzt geht es abwärts denke ich noch!

Bisher hat unser Patient noch auf Fragen geantwortet, aber als ich ihn frage ob noch alles gut ist, reagiert er nicht mehr. Wir sind gerade mal im 4 Stock. Ich schaue seine Hausärztin an und frage, ob es eine Verfügung für Herr Schneider gibt. Nein es gibt keine, aber unser Patient ist weit über 80 und die Ärztin erklärt uns, dass man keine Reanimation weder vom Patient noch von den Angehörigen wünscht. So fahren wir weiter abwärts und das EKG verstummt als wir unten im Erdgeschoss ankommen. Für uns 3 eine sehr komische Situation.

Wir lagern Herr Schneider auf unsere Trage um und schieben ihn ins Auto. Hier können die Angehörigen in Ruhe Abschied nehmen, bis der Bestatter bei uns eintrifft.

Interessante Reportage Teil 54…

10. März 2016

Eine wirklich gut gemachte Reportage vom Bayrischen Rundfunk über das Leben in Alarmbereitschaft

http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/lebenslinien/lebenslinien-leben-in-alarmbereitschaft-reinhold-zitzlsperger-muenchen-feuerwehr-100.html

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