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Die Nacht Teil 2…

6. Februar 2011

Nach diesem 3 ½ stündigen Einsatz wollten wir ja eigentlich in unsere Betten. Wir schafften es sogar, knapp 2 Stunden zu ruhen, ehe der Melder wieder unerbittlich klingelte. Etwas grummelig las ich im Gehen die Alarmdepesche durch. Eine hilflose Person an einer stadtbekannten Disco erwartete unser Eintreffen. Nach kurzer Zeit trafen wir dort ein und sahen erst einmal niemanden, der unsere Hilfe gebrauchen könnte. Als wir schon wieder gehen wollten, lief uns eine aufgedrehte Frau hinterher, die uns wegen ihres Freundes gerufen hatte. Angeblich hatte sich der Herr in die Richtung geäußert, dass er nicht mehr leben wolle und hatte seine verbliebenen Blutdrucktabletten mit Alkohol herunter geschluckt. Zum Glück konnte der junge Mann uns vom Gegenteil überzeugen, er hatte Bock auf sein Leben und seine Blutdrucktabletten waren auch alle noch vorhanden. Der Bub war gerade mal Anfang 20 und schmiss schon Betablocker – Respekt.

 

Wir fuhren wieder und wunderten uns, was das gerade eben gewesen war. Kaum waren wieder auf der Wache und lagen quasi zum Einschlafen im Bett, bimmelte der Melder schon wieder. Die Adresse war die gleiche wie eben, nur dieses Mal sollte jemand Haue bezogen haben. Der Patient wartete schon vor der Tür und so konnten wir gleich loslegen. Der junge Mann hatte Prügel von der eigenen Verwandtschaft bezogen, eine Platzwunde war das Resultat des Ganzen. Schön, wenn man solche Verwandten hat, dachte ich so bei mir. Natürlich hatte unser Patient ordentlich einen im Tee, wie sollte es auch anders sein. Wir versorgten die Wunde und fuhren Richtung Klinik. Während der Fahrt überlegte er sich schon, wie er das mit seiner Verwandtschaft noch heute Nacht klären sollte. Mir war das egal, solange ich nicht deswegen noch mal raus musste.

 

Dass wir diese Nacht noch mal aufeinander treffen sollten, ahnte nun wirklich keiner von uns. Nach kurzer Übergabe im KH konnten wir wieder fahren. Wir waren jetzt schon ziemlich platt und freuten uns einfach nur aufs Bett. Genau 2 Stunden später fielen wir wieder aus dem Bett. Das darf doch nicht wahr sein, sprach ich aus, aber wat willste machen!? Wir fuhren durch die leere Stadt, als wir in einiger Entfernung Blaulicht bemerkten. Als wir näher kamen, sahen wir das Malheur, ein schöner Benz hatte wohl nicht ganz die Kurve bekommen und war von einer Gartenmauer gestoppt worden. Wir hielten kurz beim Polizeifahrzeug und erkundigten uns, ob wir vielleicht helfen könnten. Die Beamten wunderten sich und fragten, ob wir zu diesem Unfall auch alarmiert worden wären, was aber nicht der Fall war. Wir verneinten, denn unsere Einsatzstelle lag noch ca. 3 km entfernt. Da kein Insasse vorhanden war, fuhren wir weiter.

 

Wäre ich nicht so müde gewesen, hätte mich schon die Adresse stutzig machen müssen, aber mein Hirn war noch so umnebelt. Vor dem schicken Einfamilienhaus erwartete man uns schon. Ein junger Mann stand da mit einer jungen Frau im Arm auf dem Bürgersteig. Die Dame hatte eine mächtige Skalpierungsverletzung von der Stirn bis zum Hinterkopf. Die Kopfhaut ließ sich ohne Probleme anheben. Sowas hatte ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Hätte ich mir den Typ genauer angeschaut, hätte es spätestens jetzt klingeln müssen. Da wir uns aber erst mal um die Wunde kümmern mussten, fiel mir das nicht auf. Kurz darauf erschien die Polizei auch noch, was mich ziemlich verwirrte. Es waren genau die Kollegen, die wir bei dem Unfall eben gesehen hatten.

 

Nun erschien auch der junge Mann wieder auf der Bildfläche und mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Das ist doch unser Patient von vorhin!! Und so langsam setzten sich alle Puzzelteile zusammen. Unser Typ war von Mami und Papi aus dem Krankenhaus abgeholt worden. Irgendwann muss ihm dann eingefallen sein, dass er ja noch ein Hühnchen mit seiner Verwandtschaft zu rupfen hatte. Sein Vater fand das nicht wirklich gut und nahm ihm seinen Autoschlüssel ab – der nette Sohn hatte aber noch einen Ersatzschlüssel. Zur Verstärkung packte er seine Freundin ins Auto und fuhr los. Ergebnis des Ganzen war dann, dass er seinen heißgeliebten Benz im besoffenen Zustand gegen die Gartenmauer setzte. Um dies abzurunden, hatte er sich dann aus dem Staub gemacht und war mit seiner blutenden Freundin nach Hause gelaufen.

 

Yes, dachte ich mir, viel dümmer hätte man sich nicht anstellen können…

 

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5 Kommentare leave one →
  1. Begleitung permalink
    6. Februar 2011 08:44

    Wie immer gut geschrieben – Kompliment Kleiner 🙂 Schlaf schön 😉

  2. 6. Februar 2011 11:05

    Und wieder ein Beweis, dass Einstein mit der unendlichen Dummheit der Menschen Recht hatte.

  3. 7. Februar 2011 00:49

    Klingt nach ner schlafreichen Nacht 😀 (Ich hoffe, im Moment läufts besser 😉 )
    Jedenfalls… hat das kleine Schneckenhäuschen mal wieder eine Frage… ‚eine mächtige Skalpierungsverletzung von der Stirn bis zum Hinterkopf‘ waaas hatte sie? :O So… aufgeschnitten wir mit einem Skalpell? :O
    Liebe Grüße und ’ne gute Nacht,
    das Schneckenhäuschen 🙂

    • 7. Februar 2011 07:57

      @Schneckenhäuschen

      Eine Skalpierungsverletzung bedeutet, das die Kopfhaut sich gelöst hat. So lässt sie sich dann frei bewegen.

  4. 7. Februar 2011 20:35

    Leute gibt’s … O_O

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