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C2…

28. Dezember 2015

Ich höre meine Kollegen aus Rettung und Krankenhaus schon stöhnen, wenn sie diese Überschrift lesen. Die meisten meiner Leser werden denken: „HÄ???“. Hat der Paul seine Medikamente nicht genommen oder einen gesoffen?

 

Ja, letzteres schon, denn wenn diese Abkürzung auf unserem iPad erscheint, hat ein Bürger ein Problem mit Alkohol. Eigentlich heißt es ja korrekt C2 H5 OH, aber wir aus der Medizin mögen es gerne kurz und knackig. Hinter diesem Kürzel steht dann meistens noch Intox, oder  ganz allgemein  „Hilope“. Der Intox ist schlicht die Vergiftung egal ob mit Alkohol oder anderen Substanzen. Die „Hilope“ beschreibt das ganze Drama viel besser, nämliche eine Hilflose Person. Früher waren das gerade die Obdachlosen, zu denen meine Kollegen und ich ausrücken mussten. Heute ist das eigentlich jeder, der irgendwo rumliegt und danach aussieht, als könnte er Hilfe gebrauchen.

Meine eigenen Erfahrungen mit Alkohol verliefen eigentlich immer harmlos. Einen Filmriss hatte ich nie, das Innere eines RTW oder Krankenhauses habe ich nie zu sehen bekommen. Zum einen bin ich noch in einer Zeit groß geworden, wo es normal war, dass die Kumpels auf einen aufgepasst haben und wenn es einem wirklich richtig dreckig ging, entweder denjenigen heim gebracht haben, oder die Eltern anriefen. Zum anderen hatte ich nie das Bedürfnis mir komplett die Lichter auszuschießen.

Nach 13 Jahren Rettungsdienst kann ich folgendes sagen: „Ich habe die Schnauze voll, wenn ich die Überschrift auf meinem Melder lese“. Ich „helfe“ wirklich gerne, aber nichts bringt mich so schnell auf die Palme, als irgendwelche Besoffenen einzusammeln. Wer mich persönlich kennt, weiß dass ich eigentlich die Ruhe selbst bin und eine fast unendliche Geduld habe. Aber da, ein falsches Wort und ich werde richtig laut und unfreundlich.

 

Die ersten Betrunkenen waren noch interessant und manchmal auch lustig. Als wir irgendwann am Wochenende nur noch von Disco zu Disco gefahren sind, oder morgens um kurz nach 8 Uhr an einem normalen Wochentag unsere Stammkundschaft eingesammelt haben, war es auch mit meiner Sozialromantik vorbei. Einige Geschichten habe ich diesen und anderen hier im Blog schon eine Geschichte gewidmet.

Goldener Spitzenreiter war „Bernd“. Der Stammkunde, der uns fast täglich beschäftigte, wenn er nicht im Knast saß oder auf Entzug war. Eigentlich ein netter und intelligenter Kerl, aber wenn er so richtig knülle war, eine Nervensäge. 9 Jahre ging dieses Spiel, bis er sich eines Abends zum Ausnüchtern auf eine Nebenstraße legte und überfahren wurde.

Neben unseren Stammkunden, die entweder zum Entzug gefahren werden wollten, gab es noch die, die aus Lust oder Frust sich die Birne weggeballert hatte. Jüngstes Exemplar war eine 13-jährige, die mit ihren Kumpels damals am Rhein saß und als wir kamen nur noch lallte. Danach kommen die Party- und Discosäufer, die so meistens zwischen 15 und 30 Jahre alt waren. Und die waren und sind die schlimmsten. Nicht unbedingt weil sie voll sind oder dir ins Auto kotzen, sondern weil gerade die testoterongesteuerte männliche Gattung immer aggressiver wurde.

Ab wann das begann, ich kann es euch nicht mehr wirklich sagen. Aber kaum betraten wir die Szene und sprachen unseren Patienten an, kam meist: „Verpisst euch“ oder auch „Ich haue euch auf die Fresse“. Meist dazu noch mit Kommentaren seiner Kumpels die dann uns doch endlich zum Helfen aufforderten. Wenn man diesen und auch dem Patienten dann noch erklärte, dass ein bisschen betrunken sein, keine Indikation für den Rettungsdienst sei, wurde man beleidigt oder auch bedroht. Wie oft ich das Wort Arschloch oder anderes gehört habe, ich weiß es nicht mehr. Meistens ging es ohne Anwesenheit der Polizei nicht mehr, weil es einfach zu gefährlich für uns wurde.

 

Einige Kollegen und auch mancher Arbeitgeber hat zum Schutz seines Personals schon stich/schusssichere Westen beschafft. Ich sehe diese Entwicklung mit großer Sorge. Wie schnell ein Routineeinsatz mit einem Betrunkenen zur Tragödie wird, konnte jeder von uns an Weihnachten im hessischen Herborn sehen. Auch wir Rettungsdienstler werden immer öfter von alkoholisierten Patienten angegriffen.

 

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8 Kommentare leave one →
  1. 28. Dezember 2015 19:55

    Ich habe auch schon für die eine oder andere Schnapsleiche den Rettungsdienst gerufen. Einfach vorbei gehen und ignorieren konnte ich dann auch nicht
    Darunter gab es auch nette Begebenheit, sie bringt mich heute noch zum schmunzeln . Ein betrunkener Opi , so nenne ich ihn mal, fand seine Haustür nicht mehr. Er hielt sich am Laternenpfahl fest, kam aber nicht weiter, weil er sonst gefallen wäre. Ich stütze Opi und begleitete ihn bis zur Haustür. Da war ein echter Rettungsdienst zum Glück noch nicht nötig 🙂

  2. 7. Januar 2016 18:29

    Hast du in den letzten Jahren irgendwie beobachtet, ob sich das „Alkoholverhalten“ bei den Leuten geändert hat, oder ist das immer so? Würd mich einfach mal interessieren, ob die Betrunkenen im Laufe der letzten Jahre, keine Ahnung, jünger oder aggressiver oder so geworden sind.

    • 7. Januar 2016 21:00

      Sie werden immer jünger finde ich und gerade die jungen Männer sind leider sehr aggressiv. Ich habe oft in Deutschland die Polizei holen müssen,weil ich mich weder beleidigen noch mir drohen zu lassen. Auch ist es normal geworden lieber mal für den besoffenen Kumpel den Rettungsdienst zu holen,anstatt mal selber Verantwortung zu übernehmen und den Kumpel heim zu bringen und dann auf ihm aufzupassen.

  3. Georg permalink
    9. Januar 2016 21:04

    Gibt es eigentlich Stammadressen bei denen man weiss was einen erwartet so das ihr mal nicht so schnell zum Einsatzort fahrt?
    Wir hatten vor Jahren Nachbarn bei denen der Alkoholkonsum leider an den Nachwuchs weiter gegeben wurde und der Junior war dann auch so ein streitsüchtiges Exemplar.Da es dort fast jedes Wochenende hoch her ging und Junior von seinen Saufkumpanen auch mal einen auf die Nase bekam wurde es denen vom Rettungsdienst dann auch irgendwann zu dumm und es dauerte etwas länger als üblich wenn sie zu unserer Adresse gerufen wurden.Als dann eine Nachbarin im ehelichen Streit(kein Alk im Spiel) ihren Ehemann das Gemüsemesser in die Brust rammte,war er bei eintreffen der Rettungssanitäter,trotz meiner Bemühungen mit Schürzen als Kompressen die Blutung zu stillen, auch schon recht ausgelaufen und im KH war er dann nicht mehr zu retten.Das Blut im Treppenhaus konnte ich mit dem Kehrblech in den Putzeimer befördern,war schon gruselig die Situation.

  4. kerrha permalink
    25. Januar 2016 15:13

    GsD wurde ich bisher nur 2 mal in meinem Leben in Krankenwagen gefahren, beide Male nach Unfällen, beide mal schwer verletzt, aber nicht bewußtlos, beide Male habe ich mich bedankt, weil mir geholfen wurde…………………….. ich les den blog seit einiger Zeit still mit, oft mit Freude, heute mit Wut: da macht ihr alles möglich, helft, denkt , fühlt mit, arbeitet oft unter widrigsten Bedingungen …. und werdet dann instrumentalisiert und müsst euch beschimpfen lassen? müsst sogar Angst um Leib und Leben haben? ich ziehe den Hut! Chapeau! dass ihr trotzdem weiter macht. Also: ich bin froh, dass es euch gibt, und habe Hochachtung vor eurer Leistung. Kerrha

  5. Die Wahrheit ist: permalink
    3. April 2017 04:06

    Kein Wunder in einer Gesellschaft in der Säufer heroisiert werden. Scheint in der Schweiz ja nicht besser zu sein.

    Da haben die USA eine bessere Regelung. Wer da besoffen angetroffen wird wandert direkt ins Gefängnis. Ich würds noch weiter treiben: mit jedem mal würde die Zeit in der Ausnüchterung länger werden und die Kosten müsste derjenige ebenfalls zahlen.
    Kann er nicht zahlen landet er direkt wieder im Gefängnis um die Kosten abzusitzen oder wahlweise im Krankenhaus in der Abteilung für Alkoholiker und darf dort saubermachen um die Kosten abzuarbeiten.

    • 14. April 2017 19:25

      Findest du das wirklich besser, wenn jeder „KleinKriminelle“ in den Knast wandert? Was ist denn dann mit den Dicken Menschen, die auch hohe Kosten in der Gesundheit verursachen, oder den Heroin Junkie oder den Raucher?

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