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Bernd…

31. Oktober 2010

Als ich vor über 9 Jahren in meinem Rettungsdienstbereich angefangen habe, da war Bernd schon ein fester Bestandteil dessen. Fast jeder Kollege der Stadt kannte ihn und hatte Geschichten über ihn zu erzählen. Er war ungefähr in meinem Alter, und man erzählte sich, alles was er angepackt hat, hat er mit Vollgas gemacht. Früher in der Schule muss er wohl sehr gut in Leichtathletik gewesen sein, er hat sich halt reingehängt.

 

Irgendwann später kam der Alkohol. Leider hat er auch da Vollgas gegeben, wie er es immer getan hat. Seit dieser Zeit wurde er zum Stammgast in unserem Rettungsdienst. Das erste Mal, als ich ihn als Patienten hatte, da wusste er schon genau wie der Hase läuft. Wir sammelten ihn irgendwo in der Stadt auf und wollten wie fast immer in die zuständige Psychiatrie. Bernd hatte aber an diesem Tag keine Lust auf Entzug. Deswegen fiel er plötzlich in eine tiefe Bewusstlosigkeit und klein Paul, noch grün hinter den Ohren, verfiel ziemlich in Panik. Also doch das normale Krankenhaus und mit Blaulicht. Als die zuständige Schwester ihn sah und ihn mit seinem Namen ansprach, wachte er grinsend auf. Ich hätte damals fast im Erdboden versinken können, welch Blamage, aber man sagte mir, jetzt kennst du ihn, das passiert dir kein zweites Mal.

 

Wenn Bernd nicht in der Psychiatrie lag oder im Knast saß, dann fuhren wir ihn mehrmals die Woche. Mal lag er irgendwo in einem Geschäft, mal mitten im Feld. Nach all den Jahren wusste er, wie schnell er ohne einen Cent auszugeben ins Warme kam. Manchmal sind wir sogar mit Blaulicht zu ihm gerufen worden. Eigentlich habe ich mich immer sehr geärgert, wenn er mal wieder irgendwo lag. Denn er war meistens nichts für uns, er wollte einfach in die Klinik und kein Geld für Zug oder Taxi ausgeben. Oft mussten wir die Polizei holen, damit wir ihn nicht an der Backe hatten. Meistens war er ziemlich friedlich und er wusste auch irgendwann, dass er mit seiner gespielten Bewusstlosigkeit vielleicht Passanten täuschen konnte, uns aber nicht. Wenn er mal für unbestimmte Zeit weggeschlossen war, waren wir ziemlich froh.

 

Eines Tages wurden wir zu einer hilflosen Person alarmiert. Wir wussten, dass er sich in diesem Bereich schon des Öfteren aufgehalten hatte. Als wir mit Blaulicht in die Straße kamen, saß er schon fast freudig strahlend an einer Bushaltestelle. Mein Blutdruck schwoll schon leicht an. Es war immer das Gleiche. Er wollte mal wieder zum Entzug, außerdem war es ihm kalt und angeblich hatte er kein Geld fürs Taxi. Sein letztes Geld hatte er angeblich in echten Jägermeister und Kippen investiert. Als ich ihm sagte, dass wir ihn nicht fahren werden, ist er ziemlich laut geworden. Meinem Kollegen platzte der Kragen und es entwickelte sich eine lautstarke Debatte. Nun wollte ich nicht die ganze Nachbarschaft unterhalten, also ließ ich die Polizei kommen. Sollten die sich mit ihm herumschlagen. Irgendwann kamen sie auch, für sie war aber auch schnell klar, das Bernd nichts für sie war. Ich ahnte schon, dass es nicht das letzte Mal war, das wir ihn heute gesehen haben. Keine 2 Stunden später fuhren Kollegen doch noch, weil er „bewusstlos“ in einer Bäckerei lag. Damals sah er ziemlich schlimm aus und wir dachten schon, bald wäre es rum mit ihm.

 

Das letzte Mal, als ich ihn fuhr, lag er vor der Kasse eines Discounters. Bernd hatte noch mal dazu gelernt, denn immer öfter wurde er einfach zum Ausnüchtern von der Polizei in eine Zelle gesperrt. Da es dort nicht so schön war wie in einem warmen Krankenhausbett, hatte er sich etwas Neues ausgedacht. Da Bewusstlosigkeit nicht reichte, mimte er erfolgreich einen Krampfanfall. Nun wollte die Polizei ihn auch nicht mehr, blieben nur noch wir. Als er nun dort lag, mimte er mal wieder für die armen Kunden des Discounter vorbildlich. Ich kniete mich neben ihn und sagte ihm, er könnte mit der Verarsche aufhören, wir wären ja jetzt da. Er öffnete seine Augen, lächelte und freute sich, dass er gleich wieder ins Warme konnte.

 

Danach hörte man über 1 Jahr nichts mehr von ihm. Angeblich war er nun für lange Zeit weg, irgendwo in einer geschlossenen Anstalt.

Letzte Woche hatte ich Nachtdienst, wir waren gerade auf der Rückfahrt von einem Einsatz, als unsere Leitstelle die Kollegen der Nachbarwache zu einer Reanimation alarmiert haben. Irgendwo auf einer Landstraße sollte die Einsatzstelle sein.

Bernd hatte sich zum Schlafen auf diese Landstraße gelegt, er war wohl erst seit kurzem wieder draußen. Ein Autofahrer erkannte ihn zu spät auf der Fahrbahn und überfuhr ihn. Er wurde nur 35 Jahre alt…

 

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21 Kommentare leave one →
  1. Lele permalink
    31. Oktober 2010 22:10

    Schade, dass es so enden musste…

  2. 31. Oktober 2010 22:18

    Oh Mann, harter Tobak. Aber wie Lele sagt, schade, dass es so endete…

  3. 31. Oktober 2010 22:24

    oh nein, wie traurig…

  4. Rettungassistent permalink
    31. Oktober 2010 22:24

    Schade und mein Beileid für Bernd!
    Leider begegnen wir im RettD dieser Personengruppe oft, zu oft für ein Land, das von sich behaupten kann, zu den reichsten der Welt zu gehöören! Es ist immer wieder schade, wenn man liest, dass „seine“ Patienten verstorben sind. Bei einigen ist es besonders schade, zumal viuele von den Wohnungslosen und Heruntergekommenen in Wirklichkeit echt gute Mensche sind.

    Schade!

  5. 31. Oktober 2010 22:30

    Oh mein Gott! O_O

  6. Mr. Gaunt permalink
    1. November 2010 00:20

    Uff, harter Tobak, sowas hat niemand verdient. Mein Mitleid geht auch an den Autofahrer, der das verarbeiten muss.
    Ich hoffe, dass ich nie in schlechten Zeiten auf die Idee komme, mir mit irgendwelchen legalen oder illegalen Substanzen zu „helfen“. Wenn das nämlich im ersten Versuch funktioniert, dann weiss man nicht, wie sich das weiter entwickelt.

  7. 1. November 2010 01:36

    Dein Beitrag ist so gut geschrieben, dass ich jetzt nach dem Lesen, auch wenn die Geschichte so traurig endet, das Gefühl habe, einen Film gesehen zu haben, wie detailreich und mühevoll du das geschrieben has. Danke!

  8. souly permalink
    1. November 2010 02:25

    Das Erste, was mir durch den Kopf schoss: Scheiße… 😦

  9. 1. November 2010 04:21

    *schluck*

  10. Begleitung permalink
    1. November 2010 05:44

    Sehr heftig…

  11. rettungsschnepfe permalink
    1. November 2010 13:00

    Scheiss Tod…

    Aber wie ich dir gestern ja bereits erzählt hatte, hatten wir hier auch unseren „Bernd“. Dieser rief uns auch wegen jedem „Kinkerlitzchen“ und als er uns wegen einer SAB mal wirklich brauchte, schaffte er es nicht mehr. 2 Tage später fand man ihn tot in seiner Sozialwohnung – auch mit nicht mal 40.

    Sehr ergreifender Artikel auf jeden Fall! Und leider denke ich auch, das jeder RD-Bereich einen/zwei/drei eigene Bernds hat. Vll. noch am Leben – aber mal ehrlich: Der Ausgang wird sehr wahrscheinlich früher oder später auch ähnlich sein…

    – Die Schnepfe –

  12. ToWi permalink
    1. November 2010 13:21

    Mir tut der Autofahrer leid.

    Bernd… null Mitleid. Jeder bekommt früher oder später was er verdient.

    • rettungsdienstblog permalink
      1. November 2010 16:08

      Das klingt sehr sehr heftig!! Meiner Meinung nach unfair!

      Leider können viele nichts dafür oder nicht viel dafür, dass sie in ein so tiefes Loch fallen. Klar, welche können was dazu und die meisten sind auch für den Auslöser verantwortlich, aber leider beginnt alsbald dann auch eine Spirale des Unglücks/des Schicksals über das diejendigen dann oftmals keine Kontrolle mehr haben.

      Wer einmal den C²-Abusus hat, der hat einen harten, langen und steinigen Weg vor sich. Und den schafft leider, trotz aller Hilfen, nicht jeder!^^

      • ToWi permalink
        2. November 2010 14:27

        Ich finde das Verhalten von Bern unfair. Gegenüber seinen Mitmenschen.
        Alkohol trinken ist immer eine bewußte Handlung!

        Außerdem hat er sich ja nicht nur einfach volllaufen lassen – das wäre mir relativ egal.
        Nein, er hat noch andere Menschen mißbraucht, um sich dafür sozusagen noch zu belohnen (im Sinne von „jetzt wo ich mir echten Jägermeister gegönnt habe, kann ich das auch im Warmen genießen). Dazu kommt dann noch, das in der Zeit der Zeit, wo er den RTW/NEF/was auch immer belegt hat, dieser nicht für echte Notfälle zur Verfügung stand. Sollte normal kein Problem sein, ist aber trotzdem asozial.
        Und zuletzt schockte er hilfsbereite Passanten. Ich sehe da durchaus die Gefahr, das wenn die Mitbekommen haben, das er nur simuliert, es durchaus welche gibt, die bei der nächsten bewußtlosen Person dann nur noch denken „ach, wieder so ein säufer der nur seinen Rausch ausschlafen will“.

        Nein, mit Bernd hab ich wirklich überhaupt kein Mitleid.

        Wie gesagt, der Autofahrer, der ist hier derjenige, der Mitleid verdient.
        Ich hoffe nur, das er gute Betreuung bekommt, denn das ist etwas, was er nicht so leicht wieder los wird.

  13. 1. November 2010 16:33

    *schluck*

  14. 1. November 2010 17:05

    Mitleid für Bernd… Und Beileid für den Autofahrer… Der wird das sicherlich nie vergessen. Ob er sich die Schuld dafür gibt?

    • 1. November 2010 17:50

      Als ich die Nachricht hörte, dachte ich zuerst…Puhh wir müssen Bernd nie mehr fahren. Als Zweites dachte ich, die arme Sau von Autofahrer, das wird der nie wieder loswerden. Und dann ein paar Sekunden später dachte ich, so hätte es mit Bernd nicht enden müssen.

      @ToWi

      Willkommen auf meinem Blog. Klar darf man so denken wie du, aber trotz allen Ärgers den Bernd uns gemacht hat, er war immer auch Mensch, und das darf und sollte man nicht vergessen.

      @Igor

      Willkommen auf meinem Blog. Vielen Dank für das Kompliment 🙂

  15. 1. November 2010 18:47

    Oh je, oh je…
    irgendwie ist es doch immer auch eine Frage, wie kommt jemand zu so etwas?! Warum sind Menschen irgendwann so verzweifelt, dass sie soo enorm zu Alkohol wie Drogen neigen, und wie weit muss das weitergehen, das man solche Taktiken entwickelt, bloß, um ein warmes Bett zu haben?
    Was läuft oder lief denn da falsch?! Und warum kann ihm, beziehungsweise konnte ihm denn auch niemand helfen? (Nicht von euch Rettungsdienstlern, – ich spreche von den Menschen, bei denen ihn in der Klinik als Patient hatten, Psychologen, Betreuer, vielleicht aus dem Knast Sozialarbeiter, eventuelle Bewährungshelfer?)
    Schade, dass es so enden musste, aber vielleicht ist es auch irgendwo besser so, für ihn?
    Vielleicht hat er so seinen Frieden finden können?

    Alles in allem aber, glückwunsch, Paul zu dem tollen Eintrag 🙂
    Liebe Grüße, das Schneckenhäuschen

  16. 1. November 2010 19:17

    Schlimm. Für Beide.

    Es wurde schon geschrieben — es ist schade, dass so etwas in einem Land wie Deutschland wohl noch zunehmen wird. Einfach nur traurig so etwas.

  17. 4. November 2010 08:25

    Man man man…starker Tobak…
    Wir hatten früher jemanden in der Nachbarschaft der Nachts im Vollrausch immer wieder die Feuerwehr rief…mal war es gemeldeter Gasgeruch, dann ein imaginäres Feuer und ähnliches…
    Tagsüber saß er immer auf dem Spielplatz und hat sich da volllaufen lassen. Hat sich aber immer gefreut, wenn ich mal an ihm vorbeilief und mich kurz mit ihm unterhalten habe. Da war er immer mehr als freundlich!

    Natürlich war schnell die ganze Straße genervt von ihm…als er dann aber irgendwann regungslos auf dem Spielplatz lag und der Notarzt dabei war,ihn zu reanimieren, machten sich doch einige Leute ihre Gedanken…die sonst nur schlecht über diesen Menschen geredet haben!

    Manche Leute suchen es sich vielleicht so aus und kommen vom Alkohol nicht mehr weg, aber ich glaube manchen würde es auch schon enorm helfen, wenn man sich nur mal für sie interessiert und mit ihnen spricht.

  18. blub permalink
    7. November 2010 16:28

    Traurig, sowohl für den Fahrer als auch für Bernd.
    Hoffentlich hat er wenigstens seinen Frieden gefunden wo das Leid ein ende hat.

    Bernds gibt es leider über all.
    Wenn sie nur Betrunken sind ist man Meist ziemlich genervt von ihnen.
    Aber wenn es dann so weit ist das es mit einem zu ende geht wird einem auch bewusst das dieses genervt sein eigentlich auch ein Schutzschild ist der einem Hilft nicht da drüber nach zu denken wie schlecht es manchen Menschen in unserer Gesellschaft geht.
    Leider kann man diesen Menschen nicht helfen wenn sie selbst das nicht wollen.
    Weshalb man leider auch weiterhin den ein oder anderen Bernd gehen sehen wird.

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