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Made in China…

7. Dezember 2010

Es ist wieder die Zeit der Adventskränze und Lichterketten. Ja, bald ist wieder Weihnachten, und viele Menschen versuchen ihr Heim mit etwas Licht noch gemütlicher zu machen. Manche geben viel Geld für diesen Lichterglanz aus, andere können sich nur die billig Variante aus dem 1 Euro – Discounter leisten. Dies sollte einer Familie vor fast 4 Jahren zum Verhängnis werden.

Es ist kurz nach 21 Uhr als der kleine Ben seine Mutter fragt, ob sie nochmal die schöne Lichterkette in seinem Zimmer anmachen kann. Marina überlegt, denn gestern brannten schon mehrere Birnchen durch, aber Ben bettelt solange bis die Mama den Stecker in die Steckdose steckt.

 

Wir sind schon ein paar Stunden im Dienst, haben den ein oder anderen in die Klinik gefahren, sitzen noch mit einer anderen Besatzung auf der Wache und genießen bei Kaffee und Kippen die Ruhe am Funk. Für meinen Kollegen und mich ist es die zweite Nacht und so hoffen wir, dass sie ruhig bleibt, da die erste schon ziemlich anstrengend war. Unsere Kollegen hoffen das Gleiche, denn sie haben bald Feierabend.

 

Bens Mama verlässt das Kinderzimmer, ihr Sohn sitzt gespannt vor der Lichterkette und freut sich über die blinkenden Lichter. Sie muss sich noch um ihre 2 anderen Kinder kümmern, die gerade im Wohnzimmer sind. So vergehen 20 Minuten, als es in der Lichterkette plötzlich knistert, kurz danach züngeln Flammen aus der Kette. Ben sitzt immer noch gespannt davor. Die Flammen erfassen die Gardine und andere Wohngegenstände. Langsam füllt sich das Kinderzimmer mit Rauchgasen. Marina bemerkt den Rauch, will noch ins Kinderzimmer, wegen der Hitze muss sie aber zurück weichen.

 

Es ist 21.39 Uhr, als jemand den Notruf wählt. Keine Minute später bimmelt unser Melder, es sind viele Schleifen, bevor die Durchsage kommt. Mein Kollege und ich schauen uns an: Wenn es so viele Schleifen sind, kann das nur bedeuten, dass wir mit der Feuerwehr irgend wohin fahren. Die Leitstelle meldet einen Wohnungsbrand in einem südlichen Stadtteil, wir als Retter sind erst einmal alleine, die Kollegen bleiben verschont. Sie raunzen uns noch zu, dass sie gerne pünktlich Feierabend machen wollen.

 

Ein Nachbar wagt sich unter Lebensgefahr in Bens Zimmer und zieht den Kleinen aus dem Zimmer. Alle können die Wohnung verlassen, der Rauch zieht schon durch das ganze Treppenhaus.

 

Auf der Anfahrt herrscht der normale Funkverkehr, wenn mehrere Feuerwehren ausrücken. Wir sitzen noch entspannt im Auto und fahren durch die Nacht. Plötzlich hören wir die Feuerwehr, die ihre erste Lagemeldung abgibt, und mir stockt ein bisschen der Atem. Denn die Feuerwehr meldet, dass sie insgesamt 10 Personen aus dem Haus geholt hat. Ob verletzt oder nicht, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz klar. Ich fluche genauso wie mein Kollege – das hat uns gerade noch gefehlt. Dann drückt er das Gaspedal ein bisschen weiter durch.

 

Als wir ankommen, herrscht das normale Chaos, wie es bei jedem größeren Einsatz in den ersten Minuten vorkommt. Kaum sind wir ausgestiegen, bekommen wir auch schon von einem Feuerwehrmann eine 3 – köpfige Familie übergeben. Alle haben etwas rußgeschwärzte Gesichter, die Mutter hat zwei Kinder an der Hand und eins liegt schreiend in einer Decke eingewickelt in ihrem Arm. Mein Kollege und ich sprechen uns kurz ab, er sichtet die anderen und ich nehm die drei mit in unseren Rettungswagen.

 

Bis jetzt ahne ich noch nicht, welch schlimme Verletzungen Ben davon getragen hat. Während wir in den RTW einsteigen, erklärt mir die Mutter kurz, was ungefähr passiert ist. Sie legt ihren Sohn auf die Trage und mir läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ben hat drittgradige Verbrennungen im Gesicht und an den Händen, außerdem sind sein Mund und die Nase rußverschmiert. Er schreit aus Leibeskräften, eine Kommunikation ist hier im Patientenraum fast nicht mehr möglich. Ich brauche unbedingt meinen Kollegen, alleine kann ich das hier nicht stemmen. Zum Glück kommt er auch in diesem Augenblick und man sieht ihm an, wie sehr er gerade erschrickt. Jetzt ist aber keine Zeit für Emotionen, Ben brauch unsere Hilfe. Ich gebe eine Rückmeldung an die Leitstelle, wir brauchen ein Schwerverbranntenbett, einen Rettungshubschrauber, mindestens 5 RTW und einen Notarzt.

 

Unser zweiter RTW ist schnell vor Ort, sodass alle anderen Patienten nochmals gesichtet und versorgt werden können. Auch das NEF ist nach 10 Minuten dort, bis dahin konnten wir wenig für Ben tun, außer ihm hoch dosiert Sauerstoff zu geben. Der Notarzt möchte auch so wenig wie möglich an ihm herum manipulieren. Hier draußen haben wir nicht die Mittel, um ihn optimal zu versorgen. Über den NEF Fahrer erfolgt eine Schockraum – Anmeldung. Bens Geschwister verteilen wir auf die nun eintreffenden Rettungsmittel, denn wir müssen zügig in die Klinik. Dort steht auch schon alles bereit, als wir eintreffen. Der Oberarzt der Pädiatrie braucht 2 Anläufe, um Ben zu intubieren, sein Mund- und Rachenraum ist durch die Hitze ziemlich zugeschwollen.

 

Da nicht klar ist, ob der Hubschrauber kommen kann, bereiten wir draußen alles vor, um Ben notfalls in die 80 km entfernte Klinik zu fahren. Nachdem dies erledigt ist, fällt auch von uns die Anspannung ab und wir schauen betreten drein. Wir hoffen sehr, dass es Ben schafft. Zum Glück landet der Hubschrauber keine 10 Minuten später an der Klinik.

 

3 Tage nach dem Einsatz erreicht uns die Meldung, dass der Kleine immer noch intubiert auf der Verbrennungsstation liegt. Danach hören wir lange nichts mehr von Ben. Durch einen Zufall lese ich ein ¾ Jahr später in der Zeitung von ihm. Er hat mehrere Operationen und Hauttransplantationen über sich ergehen lassen müssen.

 

 

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18 Kommentare leave one →
  1. 7. Dezember 2010 18:48

    Schön geschrieben, mal wieder, wenn auch eine nicht wirklich schöne Geschichte…
    Grüße vom Schneckenhäuschen

  2. 7. Dezember 2010 18:53

    Wow mal wieder eine krasse Geschichte!
    Auch wir haben immer wieder mit den Billigartikeln zu tun…manche Leute sehen die Gefahr darin einfach nicht!
    Trotzdem schön, dass der Kleine überlebt hat!

  3. 7. Dezember 2010 18:56

    Puh, immerhin hat er überlebt!!!

    Wie habt Ihr den Einsatz denn verpackt? Hoffentlich konntet Ihr es gut verarbeiten!?

    Ich bin auch nicht hell auf begeistert, wenn ich so manches Mal Preise sehe, aber ich weiß warum ich bei solchen Sachen nicht spare/geize. Wenns finanziell nicht drinsitzt,dann verzichte ich lieber.

  4. 7. Dezember 2010 19:11

    Schaurig.
    Erinnert mich an ein Buch, das bei meinen Eltern steht und diverse Bilder von Unfällen und Krankheiten im Kindesalter enthält.

  5. Claudia permalink
    7. Dezember 2010 19:37

    Die Geschichte geht echt unter die Haut…

  6. 7. Dezember 2010 19:52

    Wieder einmal eine sehr mitreißende und tragische Geschichte, aber wie immer auch sehr gut geschrieben.
    Laufen bei Euch Feuerwehr und Rettungsdienst auf einem einzigen Funkkanal? Das stelle ich mir ja gerade bei Bränden oder Großschadenslagen auch recht übel am Funk vor.

    • 7. Dezember 2010 19:59

      @all

      Danke für die Kommentare..verneig…

      @Krangewarefahrer

      Hab dir gerade mal eine Mail zum Thema geschrieben.

    • 7. Dezember 2010 23:31

      Gerade das FW & RD auf einem Kanal laufen (In NRW ist oft der RD in der Hand der Feuerwehr) ist gerade bei Bränden und größeren Einsätzen sehr von Vorteil.
      So kann der RD schonmal ne erste Lagemeldung geben, man weiß wer wohin ausrückt und man kann ohne Umschalten direkt kommunizieren.

  7. 7. Dezember 2010 19:54

    Heftig… hast Du lange daran geknabbert? Ben hat überlebt, trotzdem geht sowas unter die Haut. Mein erstes totes Kind im RD hat mich sehr, sehr lange nicht losgelassen…

    • 7. Dezember 2010 20:05

      @Patrick und Resuscianne

      Wir haben nach dem Einsatz zusammen gesessen und darüber geredet. Es hätte aus den Augen meines Kollegen und mir nur insofern besser laufen können, das wir erst zusammen sichten, und uns dann um den Jungen gekümmert hätten. Alles andere lief auch in den Augen unseres NA sehr gut ab, wenig manipulation am Kind, und schnelle Anforderung RTH/Schwerverbranntenbett und zügiger Transport in den Schockraum. Belastet hat mich der Einsatz schon, aber nicht so, wie der, den ich letzte Woche gepostet hatte.

  8. 7. Dezember 2010 23:32

    Sehr eindrucksvoller Bericht, der auch einmal die Geschichte aus der Prespektive der „weißen“ erzählt.

  9. 8. Dezember 2010 14:30

    Toll geschrieben und das geht wirklich unter die Haut. Wie so oft denke ich einmal mehr, wie stark muss man sein um sowas nicht zu nah an sich heran zu lassen?

    • 8. Dezember 2010 19:35

      @Optruma

      Dankeschön und willkommen auf meinem Blog. Man muss teilsweise gute und starke Nerven in diesem Job haben. Gefühle und Emotionen gehören trotzdem dazu..aber erst nach dem Einsatz.

  10. 9. Dezember 2010 21:32

    Das ist wirklich eine schreckliche Geschichte. Verbrennungen sind schon schlimm genug, aber wenn es dann auch noch ein Kind trifft…

  11. Tine permalink
    10. Dezember 2010 16:02

    Hey, bin auf der Suche nach einem RD Blog ( dens aber leider nicht mehr gibt) auf deinen Blog gestoßen. Dein Stil ist echt klasse und macht dich sympatisch, wie ich finde. Uuuuuund du hast mich echt gefesselt und meinen ganzen Tagesplan heute morgen durchenander gebracht. Ich musste einfach deinen Blog komplett lesen! 🙂
    Jetzt hast du eine treie Leserin mehr!

    Verschneite Grüße
    (aus dem Norden)
    Tine

    • 10. Dezember 2010 17:08

      @Tine

      Willkommen auf meinem Blog 🙂 Freut mich sehr, dass dir mein Blog so gut gefällt, und ich entschuldige mich mal vorsichtshalber, dass ich deinen Morgen so durcheinander gebracht habe 🙂

      LG Paul 🙂

      • Tine permalink
        10. Dezember 2010 19:55

        dafür brauchst dich nciht zu entschuldigen 🙂 war spannender als einkaufen & Co 😀

        Lg
        Tine

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