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Erste Hilfe Geschichten Teil 21…

31. Oktober 2013

Von Bembel stammt die erste Geschichte.

Ich war noch nicht ganz volljährig als mein Vater und ich mit dem Auto aus der nächsten Stadt nach Hause unterwegs waren. Der Aufprall der beiden Autos hinter der Kuppe, die wir gerade nahmen, war noch keine Sekunde um, als wir es sahen. Es flogen Kleinteile durch die Luft, Erde, Dreck, Qualm überall, eine große Staubwolke wo eben noch eine Strasse war. Es war dämmrig geworden, aber eigentlich herrschte gutes Wetter, warum und wieso die beiden Autos auf gerade Strecke zusammengestoßen sind, weiß ich bis heute nicht.
Die Kuppe liegt in Sichtweite zu meinem Elternhaus (ca. 1 km) und ich dachte zuerst, verdammt, hoffentlich kriegt meine Mutter daheim keinen Schreck, wenn sie merkt, was hier passiert ist. In der Vor-Mobiltelefonzeit ging es nicht, mal eben Bescheid zu geben. Außerdem waren wir das einzige Auto weit und breit und es hieß „handeln!“.

Wir sind ausgestiegen, ohne Worte haben wir uns irgendwie seltsam routiniert an die Arbeit gemacht, Absicherung, Warnkreuz aufgestellt, zum ersten Auto gelaufen. Das eine lag halb im linken Straßengraben, nicht sonderlich ramponiert. An den Fahrer oder die Fahrerin habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr. Als wir gesehen haben, dass soweit „alles in Ordnung“ ist, sind wir zum zweiten Auto, das sich im Feld noch überschlagen hatte und ein wenig abseits der Straße wieder auf allen Vieren stand. Was nun folgte, war traumatisierend. Der Fahrer war blutüberströmt, wippte mit dem Kopf leicht über dem Lenkrad, war kaum bei Bewusstsein, stöhnte und grunzte und wand sich vor Schmerz. Die Tür haben wir nicht aufbekommen. Der Holmen war verzogen, die Fenster und die Windschutzscheibe waren weg. Trotzdem konnten wir ihn nicht rausheben. Der Fahrer war eingeklemmt und nicht ansprechbar. Allein, auf weiter Flur, Landstraße, kein Telefon, nix und wir konnten noch nicht einmal IRGENDWAS machen. Wir kamen nicht an ihn ran. Mein Vater meinte, wir müssen umkehren, zum Dorf ein paar Hundert Meter wieder zurück, um Hilfe zu holen. Er wollte mich aber nicht alleine lassen beim Verletzten. Eine Entscheidung, die ich heute, selbst Vater, nicht treffen wollte. Wir setzten uns also wieder ins Auto, sagten dem anderen Bescheid, dass wir gleich wieder zurück sind und fuhren los. Den Verletzten im Auto so zurückzulassen war einfach nur schrecklich. Es ging mir alles nicht schnell genug. Anruf, Rettungsstelle informiert und wieder zurückgefahren. In der Zwischenzeit waren zwei andere Autos aus der anderen Richtung eingetroffen und standen nun genauso wie wir völlig geschockt und absolut hilflos neben dem Wrack. Dem Fahrer ging es deutlich schlechter, ein Atmen war kaum noch wahrnehmbar. Wir redeten zu ihm. Immer einer nach dem anderen, nachdem der Vorredner keine Worte mehr hatte, oder nicht mehr hinsehen konnte. Nach gefühlter Ewigkeit trafen die ersten Rettungskräfte ein, ein Hubschrauber wurde beordert. Feuerwehr, Polizei, das ganz große Aufgebot in der einsetzenden Dunkelheit. Erleichterung machte sich bei uns breit, dass wir nun aus der Verantwortung „entlassen“ wurden. Trotzdem waren wir sichtlich geschockt.
Der Fahrer wurde rausgeschnitten, ausgeflogen und wir fuhren nach Hause. Die nächsten Wochen sah man immer noch im Feld die Spuren der Verwüstung und des Unfalls. Angeblich soll der Fahrer überlebt haben.

Dieses Gefühl der Hilflosigkeit war aber schrecklich.

Vielleicht war es diese Erfahrung, vielleicht einfach nur der gesunde Verstand, der mich zum Telefon greifen ließ. Gute 15 Jahre später war ich der Erste und Einzige, der dies getan hat. Eine Bekannte war bei einer gerade erst eröffneten Faschingsparty bleich geworden. Konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, hatte kalte Hände, krampfte, konnte nicht mehr richtig sprechen. Entweder wurde über bereits übermäßigem Alkoholgenuss im Vorfeld der Party spekuliert oder ihr Zustand mit einer allgemeinen „Unpässlichkeit“ erklärt. Ihre Augen sahen für mich aber seltsam alarmierend aus. Mittlerweile wüsste ich, was ich machen könnte, um einen Schlaganfall zu erkennen, aber ganz unbewusst war mir klar, dass da was ganz Heftiges abgeht. Spätestens als eine Freundin von ihr kam und meinte, die hätte nichts getrunken, auch im Vorfeld nicht, habe ich eigentlich nicht mehr groß überlegt. Ich griff zum Telefon, ich zitterte auf einmal, war ganz durcheinander, verfehlte die Tasten mehrmals und konnte schließlich anrufen. Ich beschrieb ihre Symptome und mir wurde gesagt, dass jemand kommt. Im angerückten Rettungswagen war aber nur die Liege wirklich von Hilfe, die Herren sagten, dass sie erst den Rettungsarzt rufen müssten. Ein zweites Mal schallte die Sirene durch den Ort und der hat nicht lange gefackelt.

Ich habe die Bekanntin später immer wieder mal gesehen und musste jedesmal schlucken und mir die Frage stellen: was, wenn Du noch schneller angerufen hättest? Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Anderen nur ziemlich lange rumdiskutiert hätten was zu tun sei, bis es wirklich zu spät gewesen wäre.

Außerdem habe ich bei meinem Anruf und die Zeit danach bis zum Eintreffen der Rettungskräfte den unterschwelligen Eindruck gehabt, die anderen halten meine Reaktionen für übertrieben. Bis klar war, um was es wirklich ging. Dann war alles gut. Aber vorher… Skrupel anzurufen, kein Bohai machen, bloß kein Geschiss mit Blaulicht und Sirene und Katastrophenschutz und THW und und und…

Wenige Jahre später, habe ich von meiner Schwiegeroma den Satz gehört, nachdem sie gestürzt war: „Was soll denn das Dorf denken, wenn der Rettungswagen vor meiner Tür steht?“.
Dazu habe ich bis heute kein Verständnis.

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8 Kommentare leave one →
  1. 31. Oktober 2013 21:29

    Gut reagiert! Bin froh, dass ich sowas bisher nicht erlebt habe…

    „Was soll denn das Dorf denken, wenn der Rettungswagen vor meiner Tür steht?“.
    Dazu habe ich bis heute kein Verständnis.

    Ich auch nicht. Was sollen sie schon denken – da hat jemand ein Problem, vielleicht nach einem Unfall, und braucht schnell medizinische Hilfe. Und?

    Und selbst wenn der Notarzt am Ende nicht nötig gewesen wäre, es ist doch besser, die Leute mokieren sich, weil man einmal zu viel den Rettungsdienst gerufen hat, als dass sie sich hinterher das Maul zerreißen, weil man die Schwiegermutter nach einem schweren Sturz aus Verdruckstheit hat verrecken lassen.

    „Was sollen denn die Leute denken“ ist eine ganz schlimme Grundhaltung.

    • fennistin permalink
      1. November 2013 15:42

      „“Was sollen denn die Leute denken” ist eine ganz schlimme Grundhaltung.“

      Moment, da geht es aber doch um zwei sehr verschiedene Sachen.
      Wenn es Schwiegeropa gewesen wäre, der gestürzt wäre, dann hätte Schwiegeroma das ganz sicher nicht gesagt.
      Wenn es um einen selbst geht, ist man nunmal oft „unvernünftig“ in solchen Situationen, gerade ältere Menschen!
      Meine Oma ist mit dem Fahrrad gestürzt (Bein gebrochen) und lag ca. 3 Stunden im Wald, und als endlich ein Herr vorbeikam und 112 rufen wollte, sagte sie „Nein, nein, rufen Sie mir ein Taxi, das mich nachhause bringt!“ (Natürlich hat er ihr sinngemäß einen Vogel gezeigt.)
      Den älteren Herrschaften ist es eben wichtig, dass die Nachbarn das nicht mitbekommen, dass man selbst nicht mehr so fit ist. Und jeder, der vom Dorf kommt oder Familie auf dem Dorf hat, wird auch Verständnis dafür haben, wie man sowas denken kann, so wie da die Rederei losgeht… das heißt aber nicht, dass dem Mann / dem Sohn / der Mutter dann nicht sofort der RTW gerufen wird, wenn was passiert.

      Und wer schonmal Rettungsdienst gefahren ist oder im KH gearbeitet hat, weiß, dass viele ältere Menschen auch einfach wahnsinnig Angst davor haben „wenn sie einmal ins Krankenhaus müssen nie wieder nachhause zu kommen“.
      Das sagte meine Oma mit ihrem Beinbruch auch weinend dem Anästhesisten: „Das ist die erste Operation in meinem Leben, und ich habe immer gesagt, wenn ich mal operiert werden muss, dann sterb ich.“

      Ich muss zugeben, dass ich das im Kleinen auch von mir kenne. Ich bin nun auch vom Kreislauf her ein dünnes kleines Mädchen, und einmal bin ich in der Frühschicht (das ist ja für mich noch vorm Aufstehen vom Gefühl her) in der chirurgischen Aufnahme beim Eingipsen umgekippt. Und als der diensthabende Arzt mir nen halben Liter Ringer i.V. angeboten hat, habe ich auch nur losgemotzt: „SO’N QUATSCH, GANZ SICHER NICHT!“

      • 2. November 2013 12:04

        Hallo Fennistin, willkommen auf meinem Blog. Ich glaube,dass es keinen Unterschied macht,ob es um einen selbst geht,oder den Ehemann/Frau. Das ist wirklich bei vielen alten Menschen so. Man möchte niemanden zur Last fallen.

      • 3. November 2013 20:09

        Mit „ganz schlimme Grundhaltung“ wollte ich ausdrücken, dass es fast immer eine schlechte Idee ist, eher darauf zu schauen, was die Leute denken. Wenn das Bein gebrochen ist oder ich nach einem Sturz offenbar nicht in der Lage bin, mich aus eigener Kraft vom Waldweg aufzusammeln, ist es m.E. völlig egal, wer was denkt, dann brauche ich eben einen professionellen Transport ins Krankenhaus.

        Ich wollte der Schwiegeroma nicht unterstellen, dass sie jemand anderen ohne Hilfe hätte liegenlassen. Aber wenn man für sich selbst keine Hilfe anfordert oder sich weigert, die nötige professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, schadet man damit doch sich selbst und oft auch anderen, nämlich der eigenen Familie, die einen dann u.U. hinterher pflegen muss oder beerdigen. Man spielt da aus idiotischer Rücksichtnahme auf die vermutete Meinung irgendwelcher Leute mit der eigenen Gesundheit oder dem eigenen Leben und riskiert, der eigenen Familie damit sehr wehzutun. Und das muss nicht sein.

        Dass man Angst vor dem Krankenhaus und einer OP hat, kann ich dagegen völlig verstehen. Und dass man gerade im höheren Alter Gefahr läuft, aus dem Krankenhaus gar nicht mehr nach Hause zu kommen, ist wohl auch einfach so. Die Angst ist verständlich und muss ernstgenommen werden, aber das ist eben nicht dasselbe wie „was die Leute denken.“

  2. seelenteil permalink
    2. November 2013 14:12

    ich muss gestehen: ich kenne das von mir (nur für mich) auch…. es ist mir dann peinlich, dass die mich „so sehen“. evtl nicht richtig angezogen, ungewaschene haare… ich habe mich mal nach einem katzenbiss, der sehr böse ausging und bei dem ich fast meine hand verloren hätte, nicht getraut die rettung zu rufen obwohl ich allein war, die wohung voller blut und ich merkte, dass ich umkippe. habe dann an der badewanne eine „stufenlage“ mit den beinen gemacht und gehofft, das ich nicht ohnmächtig werde, wenn ich so liege und mich dann versorgen kann. das war ganz schön doof – aber ich hatte nur ein nachthemd an und dachte so ein biss ist ja nicht die welt. da verblutet man doch nicht!

  3. Anna permalink
    5. November 2013 14:53

    Ich hatte ein ähnliches Erlebnis bezüglich des Notrufes…. und ich habe leider sowohl vor Eintreffen der Rettung als auch danach reichlich Vorwürfe zu hören gekriegt.

    Ich war 17, und war im Gegensatz zum Rest der Kernfamilie nicht im Urlaub sondern hütete Haus und Hof (im wörtlichen Sinne) da dies meinen Großeltern (im selben Haus lebend) nicht mehr zuzumuten war.
    Eines Morgens komme ich wie üblich um halb 6 in der Früh in die Küche meiner Großeltern um mir Kaffee zu machen und finde meine Großmutter vollkommen aufgelöst dort vor….. „Etwas stimmt nicht mit Opa er kommt nicht aus dem Bett“
    Ich geh in das Schlafzimmer und seh mehr oder weniger sofort dass mein Großvater einen schlimmen Schlaganfall hatte.
    Ich wollte sofort die Rettung alamieren und dreh fast durch als mir meine Großmutter eröffnet dass, der Schlaganfall vor etwa einer Stunde war und dass ich auf keinen Fall die Rettung rufen kann, denn „Da muss doch erst der Hausarzt vorher kommen, man kann doch nicht selbst die Rettung holen“
    Nachdem sie ihr eigenes Telefon blockiert hat, habe ich den Anschluss meiner Eltern verwendet und nichts auf das Geschimpfe gegeben.

    Was mich traurig macht ist dass ich erstens von der Rettung was zu hören gekriegt habe wegen des verspäteten Anrufs, und auch meine Großmutter mir diesen Anruf nie ganz verziehen hat….. weil so hat er noch so lange leiden müssen…..

    Ich habe aber etwas wichtiges daraus gelernt: Egal was die Umgebung sagt, man kann nur das tun was man selbst für richtig hält

  4. Der eine permalink
    3. April 2017 06:48

    Zur ersten Geschichte: ein gutes Beispiel dafür dass Handys eben nicht das absolute Böse sind wie sie oft hingestellt werden sondern manchmal auch wirklich Sinnvoll sein können 😉

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