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Ich kenne…

22. November 2012

den Bundespräsidenten, deinen Chef, den Chefarzt, Til Schweiger oder natürlich Gott himself. Die meisten von euch werden jetzt bestimmt wissen, was darauf folgt. Meistens erwartet der andere dann, das man vor Ehrfurcht erstarrt. Meistens bewirkt so ein Spruch bei mir und auch vielen meiner Kollegen nur ein müdes Lächeln.

Die Notfallmeldung hörte sich schon nicht wirklich nach einem Notfall an. Nadine und ich sollten ohne Blaulicht zu einem älteren Herren fahren, dessen Allgemeinzustand nicht mehr ganz so gut war. Mit über 90 Jahren, so dachte ich mir, darf man auch mal einen nicht mehr so fitten Eindruck machen. Aber zu bestimmen hatten wir das ja eh nicht. Unser Ipad zeigte an, dass sich Herr Müller im 2. Stock befinden sollte, so hatten wir alle Daten beisammen, die wir brauchten.

Nachdem wir angekommen waren, nahmen wir unser Material, stapften in den 2. Stock und klingelten. Eine ältere Dame öffnete und ich begrüßte sie mit den Worten: „Schönen guten Tag, die Sanität, wo ist denn der Patient?“. Jetzt schauten mich zwei große Augen an, denn offensichtlich gabs hier für uns keinen Patienten, denn der Ehemann der Dame erschien nun auch in der Tür und wunderte sich. Nadine grinste schon schelmisch 🙂 Ich entschuldigte mich natürlich und fluchte innerlich über unsere Leitstelle, die uns wohl den falschen Namen und auch das falsche Stockwerk mitgeteilt hatte. Sowas macht nicht gerade den besten Eindruck, aber wir konnten ja schließlich nichts dafür.

Nach einem kurzen Rückruf auf unserer Leitstelle wussten wir, dass wir in den 3. Stock mussten, wo wir schon erwartet wurden. Der Herr sah ein bisschen nach Geld aus, aber nur bis zum Bauchnabel, denn unten herum trug er eine Jogginghose. Wir wurden in das Zimmer des Patienten geleitet, wo der ältere Mann einen, sagen wir -für das Alter- , doch recht fitten Eindruck machte. Da Nadine als Erste ins Zimmer kam, sprach sie unseren Patienten an, stellte uns auch gleich vor und fragte, wieso wir gerufen wurden. „Der Hausarzt hat schon im Spital angerufen, die wissen Bescheid“, kam von der Tochter, die die Hand ihres Vaters hielt.

Nun, wer sich von euch noch erinnern kann, ich hatte in diesem Artikel schon einmal darauf aufmerksam gemacht, dass wir mit solchen Fragen immer mehrere Ziele verfolgen. Und meine Kollegin und ich haben es wirklich nicht gerne, wenn man uns als irgendwelche blöden Sankafahrer abtut, die es nicht zu interessieren hat, was der Patient hat, sondern nur dafür da sind, ihn ins Spital zu fahren. „Wir müssen aber schon wissen, weshalb ihr Vater ins Krankenhaus muss“, versuchte Nadine es noch einmal. „Ja, dem geht’s nicht gut. Er kann nicht mehr laufen und ich muss seit 14 Tagen hier jedes Mal her fahren und schaffe das nicht mehr“. Wie auf Kommando wollte ihr Vater aufstehen und durchs Zimmer laufen. „Soso“, machte Nadine und wir grinsten uns kurz an.

Sie sind doch vom Spital XY, oder?“, fragte die Tochter nach einer kurzen Pause. „Ja das ist unser Spital“. Uns schwante schon, was jetzt kommen würde. „Ja wir kennen den Herr Professor Brinkmann, das ist ein guter Freund von uns“, sagte der Ehemann von der Tochter. „WAYNE interessiert das!“, wäre mir beinahe heraus geplatzt. Auch meine Kollegin schaute komisch aus der Wäsche. Da nichts weiter kam, packten wir unser Material wieder ein und trugen unseren Patienten zum Auto.

Ich setzte mich hinten zu unserem Patienten, auch wollte die Tochter ihren Vater nicht alleine lassen. Nadine setzte sich ans Steuer und fuhr los. Da Straßen nicht nur geradeaus gehen, gab es natürlich auch ein paar Kurven, und schon nach der zweiten Kurve fing die Tochter damit an, dass meine Kollegin ja nicht so wirklich gut im Autofahren wäre, es würde so wackeln. Ich verdrehte die Augen und sagte höflich, dass Nadine wunderbar fährt und es Kurven und schlechte Straßen nun mal immer und überall gibt. Danach wackelte unsere Ambulanz auf dem Weg zum Spital noch öfter, und ich sah, dass dies einzig und allein der Tochter nicht in den Kram passte. Denn ihr Vater saß, wie die ganze Zeit, munter auf der Trage und sagte keinen Ton.

Da waren aber viele Schlaglöcher auf dem Weg ins Krankenhaus“, ließ die Tochter vermelden, als wir endlich in der Notaufnahme angekommen waren. Nadine grinste vor sich hin und wir konnten endlich unseren Patienten an die Pfleger und Ärzte übergeben.

Wir verabschiedeten uns höflich. Als wir außer Sicht- und Hörweite waren, meinte Nadine nur: „Ich habe jedes Schlagloch mitgenommen, das es auf der Fahrt gab“. 🙂

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28 Kommentare leave one →
  1. Begleitung permalink
    22. November 2012 21:01

    Deine Kollegin ist mir sehr sympathisch! 🙂

  2. dasholzi permalink
    22. November 2012 21:09

    Schön geschrieben und selber Schuld, aber eigentlich tut mir nur der Vater leid. Er kann (eigentlich) wenig dafür, dass seine Tochter so drauf ist.

    Viele grüße ausm hohen Norden

    • 23. November 2012 09:22

      merci 🙂 Ich finde sowas auch schlimm, aber was will man leider machen.

      Grüße aus den Alpen.

    • Georg permalink
      24. November 2012 10:41

      Naja der Herr wird doch bei der Erziehung mitgewirkt haben und da kann dann sowas bei rauskommen

      • 24. November 2012 10:48

        Hallo Georg,

        willkommen auf meinem Blog. Ja sicher hat er das, aber so schlimm, nein das glaube ich nicht so ganz 🙂

  3. 22. November 2012 21:18

    Manche Leute…
    Da kann man nur den Kopf schütteln!
    Ich bewundere ja sehr, dass Ihr da immer die Fassung wahrt und freundlich bleiben könnt.
    Toll, wenn man sich zumindest in Form des Fahrstils rächen kann ;-)))

    • 23. November 2012 09:21

      Das Nett sein ist nicht leicht, aber es ist unser Job und man muss sich ja nicht auf das Niveau des anderen herunter lassen.

  4. 22. November 2012 21:40

    Klarer Fall von „UPS!“ 🙂
    Aber gut, wenn sich Madame sowieso beschwert…dann kann man das auch machen 🙂

  5. 22. November 2012 23:34

    Den Schlusssatz (in der Umsetzung) hätte ich mir bei der Tochter auch gegönnt! 😉

  6. Flo permalink
    23. November 2012 09:16

    Ohja, das kenn ich. Patienten mit falsch gepoltem Schlaglochsuchgerät zu fahren hat was 😉

  7. 23. November 2012 09:41

    Oha… …ja, das gibt es leider immer wieder. In die Praxis kommen auch Patienten, die sagen, sie würden den Doktor persönlich kennen und der hätte gesagt, sie könnten mit ihrem Wewechen noch um 20.15 Uhr in die Praxis kommen. (Wir arbeiten gerne bis spät in die Nacht ohne Nachtzulage!!!) Wenn man den Doc dann fragt, ob er die Person kennt, dann sagt er meistens: „Kennen? Keine Ahnung, vielleicht habe ich den mal beim Einkaufen gesehen. Ich weiß nicht wer das ist!“ und wenn es dann wirklich nur ein Wewechen ist, dann schicken wir ihn mit lieben Grüßen vom Chef nach Hause, er hätte noch so viel zu tun und sollte doch am nächsten Tag um sounsoviel Uhr wieder kommen… …ganz heftig war mal der Patient, der sagte: „Ich kenne ihren Chef persönlich und bin privat versichert, haben sie nicht ein Wartezimmer, welches Kassenpatientenfrei ist? Ich will mich ja nicht mit dem Pöbel zusammen hinsetzen!“ BOAH!!! Und so etwas muss man dann wirklich behandeln und auch noch freundlich sein. Ich habe ihn leider vergessen in die Patientenliste zu schreiben und so musste er ein wenig länger warten. Da konnte er sich mal richtig mit dem Pöbel im Wartezimmer austauschen… ^^

    • 23. November 2012 11:09

      Hallo Rainbow,

      willkommen auf meinem Blog 🙂 Achja, so Patienten kenne ich auch.. muss mal die Geschichten aus meinem Kopf heraus kramen 🙂 Aber dumme Sache, dass man den Patient dann vergisst 😀

    • Mr. Gaunt permalink
      23. November 2012 22:49

      Getrennte Wartezimmer gibt es gelegentlich tatsächlich. Selbst in einer mittelgrossen chirurgischen Praxis erlebt. Gab auch eine separate Telefonnummer. Habe mich ziemlich seltsam gefühlt.

  8. 23. November 2012 13:53

    Ich sag bei so Aussagen wie: „ich kenne den Chefarzt der Station…“ immer: „Ich nicht. Aber das ist auch völlig egal…wir fahren in die Notaufnahme!“
    Allerdings mache ich das nur wenn die Patienten und Angehörigen von Anfang an die Snobs raushängen lassen. Ich kann so ein abwertendes Verhalten auf den Tod nicht ausstehen!

  9. hajo permalink
    23. November 2012 17:10

    grüezi Paul,
    Grüße an Deine Kollegin: (Fast) jedes Schlagloch zu treffen war genial und der Situation (Töchter“lein“) durchaus angemessen. 😀

    .. und dem alten Herrn scheint es ja auch nicht geschadet zu haben.

    Herzliche Grüße aus Frankfurt am Main und ein schönes Wochenende
    Hajo

    • 23. November 2012 17:19

      Grüezi Hajo 🙂

      ja ich mag diese Kollegin auch sehr gerne 🙂 Nein dem hat es überhaupt nicht geschadet 🙂

      Viele Grüße

      Paul

  10. Sylvia permalink
    24. November 2012 19:03

    Hihi, die kleine Rache der Sanitäterin 🙂
    Ich kenn das auch und kann deine Kollegin absolut verstehen.
    LG Rebecca

  11. 26. November 2012 22:48

    Schon seltsam; dass manche Leute anscheinend unter einer Art Profilneurose zu leiden scheinen und dann die Sanitäter für Taxidienste missbrauchen.
    Aber die „Ichkenndenchefpersönlichs“ sterben halt nicht aus (so wie die „Abersiewissenschondassichprivatversichertbins“).
    Aber immerhin gab’s eine kleine Rache von deiner Kollegin. 😉

    • 26. November 2012 23:26

      Hallo Frau Hilde,

      willkommen auf meinem Blog 🙂 Ja leider gibt es diese Menschen. Aber manchmal ist die Welt auch gerecht 😉

  12. 27. November 2012 23:29

    „Ich kenne den Chef persönlich“ hat jetzt zu mir noch niemand gesagt… aber wer gibt sich auch gern als Zombie aus.
    Dafür gibts die, die einen für einen Dienstleister halten, und das sind meist die, die dafür bestimmt nichts tun und auch nichts zahlen wollen.

  13. 3. Dezember 2012 09:23

    Solche Kunden kenne ich auch. Am liebsten sind mir allerdings die, die meinen sie selber wären die wichtige Person die man kennen muss. Interessiert mich nur so gar nicht 🙂
    Da hätten gut noch ein paar Schlaglöcher mehr auf der Straße sein können, oder einfach noch einen kleinen Umweg fahren 😉

    • 3. Dezember 2012 17:54

      Hallo lesersafari,

      willkommen auf meinem Blog 🙂 Ja die gibts auch, interessiert mich genau so wenig, wie die anderen 🙂 Die, die wir hatten, haben schon gereicht 😉

  14. Hawkeye permalink
    7. Dezember 2012 17:53

    Klassiker: der Ich-kenne-Hausarsch: „Sie brauchen garnicht frech werden, ich kenne Ihren ärztlichen Leiter persönlich, wir haben zusammen studiert!“
    ÄLRD: „Oh ja, den kenne ich sogar sehr gut! …weil der uns jeden Monat drei bis vier Beschwerden schreibt und ich immer antworten muss. Schreiben sie eine kurze Stellungnahme für den Amtschimmel und mich und ignorieren Sie, was er sagt. Weitermachen.“

  15. Kolibrikind permalink
    24. November 2013 16:44

    Die Patienten können ja meistens nichts dafür, bei mir waren es bis jetzt fast ausschließlich die Angehörigen, die meinten einen auf „Ich kenne den Chefarzt, du bringst meinen Mann/Opa/Vater oder was auch immer jetzt in Krankenhaus XY“. Eine war mal dabei, die sagte, ihr Mann sei ja Privatversichert und wenn sie das will, dann müssten wir ihn auch nach Hamburg bringen(so grob geschätzt: 400km). Es handelte sich übrigens um einen Notfalleinsatz mit Notarzt… Haben dann doch das „Kleinstadtkrankenhaus“ um die Ecke angefahren.

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